Quiz: Von wem stammt folgender Text:

03. Februar 2009 · Thema: Allgemein

Ich kenne ein Wunderwerk, aber das ist ein anderes Kapitel. Schon da wird’s verdreht: ich kenne es und kenne es doch nicht. Wende ich für länger oder kürzeren Augenblick meine Augen von ihm ab – womit keinesfalls gesagt ist, es sei ein Wunderwerk nur für die Augen -, und obwohl ich es eigentlich so gut wie nie tue, wird ich ihm Fremdling. Ein eigentümliches tumbes Gefühl bemächtigt sich meiner, genauso wenn ich mich lang mit ihm beschäftigt habe und wir uns vor Gewöhnung garnimmer wahrnehmen. Immer wieder aber fällt wie durch das Schlüsselloch einer zugenagelten Ebenholztür ein glühender Sonnestrahlpfeil, ich weiß selbst nicht, warum sich Schweiß auf meiner Oberlippe bildet, aber wie von Sinnen versuch ich dann in den tiefen Sinn des Wunderwerkes mich einzubohren. Ein Hinweis, den ich ihm selbst entnahm, sagt mir unzweideutig, daß ich außerhalb von ihm nichts finden könne, was mich es besser verstehen macht, keine Strukturanalysse, keine Quellenforschung. „In mir oder nirgends!“ (werkimmanente Interpretation) so steht’s geschrieben, womit ich wiederum nicht andeuten will, daß das besagte wunderbare Werk aus Aufzeichnungen besteht, also eine Dichtung quasi ist. So mach ich mich dann denn folgsam in den Eingeweiden auf den Weg, ich, der Uneingeweihte, der selbst innen noch ein Außenstehender bleibt. Tapfer schreite ich meinen Weg aufwärts, d.h. im Moment steige ich ich zu den Quellen. Durch Berg und Täler ist der Weg geleitet, hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei, und da wo er für ein paar Schritte frei ist, wo man vom Berg aus „Schöner Aussicht“ frönt, beziehungsweise tutend ein „Großes dämmerndes Tal“ sich auftut, wenn gar eine sonnenerwärmte, entengefüllte Bucht, so scheint’s wie Nebel aufzufliegen, wie eine Zeitmauer fällt selbige in sich zusamm’, ein leichter Schwindel kommt mich an, bei diesem Erlösungskußüberflußerguß, der Heiland reißt den Himmel auf… Und im milchigen Glast seh ich Risse sich fügen, Abgeblättertes sich wieder anblättern, Krümel rollen dahin, wo sie hergekommen, Bröckel desgleichen; bunte, geschehnisreiche Fortsetzungen ziehen majestätisch und geschichterzählend an mir vorüber, von Spruch- und Sprechbändern und Wolken klangfreudig begleitet, deren Stimmung entgilbte. Entfallendes, Verlegtes entschält sich ohne altmodischen Anhauch gleich einer verlängerten Banane. Na endlich! Na endlich! Aber da ist die gewaltige Ebenholztür schon wieder ins Schloß gefallen, mit Krach, mein eben, ach, so bewegungsfreudiger Kaugummi wird zähflüssig und gerinnt mir im eben noch lachenden Mund, und ich muß mich einem Loch in der Bretterwand genügen, was aber – oh! – ist dahinter? FKK mit blassbrüstigen Geheimnissen und blutunterlauf’nen Penissen. Ach nein, das stimmt ja nicht, es ist vielmehr ein Mann zu sehen, der sich durch ein Loch in der Bretterwand ein rasantes Fußballspiel anschaut und dabei eine Banane verzehrt, am blassen Schaft halb entvorhäutet. Seinem lachenden Mund entquellen in verschieden langen Abständen blassblaue Sprechblasen, die in ihrer Größe immer dem Umfang des Gesagten entsprechend anschwellen, die aber, sobald letzteres verklungen, mit leichtem Platz zerknallen. Die Banane hingegen läßt hellgelbe Sprechblasen von sich, die sich aber immer nur mäßig ausdehnen.    –    Ich schlage unterdessen einen Pfad ein, der sacht in die Büsche gleitet (denkt nicht, daß es ein Irrtum sei!) d.h. während ebige Begebnisse mit dem Mann, der zitronengelbe Banane und dem rasanten Ritz im Holzzaun unmerklich in die Vergangenheit absanken, verbleibe ich (die Zeiten wechseln sich eben) hiererorts (die Zeiten wechselten sich eben) und bin in neuartigen Teilen des Gesamtgefüges präsent, wie gesagt: zunächst in allerhand Abstrusitäten: eben im Busch. Ich laufe wie auf gepolstertem Pudding, durch den hindurch ich aber gläsernes Gerippe ahne. Plötzlich juckt’s mich überall: an der Wade, an der Leber, am Nebenhoden… eine Herde Bananen ist schändlich über mich hergefallen. Seit wann emanzipiert sich Obst? Sind Bananen denn Staudentiere? Ich bin so entsetzt, daß die Äderchen meiner Lider vor lauter Augenaufreißen schlagartig mit leisem Knall zerplatzen. Da hör’ ich in solch unermeßlicher Ferne, daß ich meine, es müsse zehnmal außerhalb meines Wunderwerk-Labyrinths liegen, das knarrendste aller Tore, und schon heb’ ich ab vom Dust, alle bräunlichen Bananenschalen weit, weit hinter mir lassend schweb’ vögelich leicht und lau – lieblich lahm lockt’s lullend mich – lächerlich lallend über allem. Meine aeronautischen Nasenflügel blähen sich trötend und wie funkelnde Kartoffeln und blendende Karfunkel fliegen miene Brüll-Popel in den blanken blitzeblauen Äther. Mein blaues geplatzes Äderchen heilt unverzüglich an der Luft! An der frischen Luft! – Doch was seh’ ich da? Weit, weit unten seh’ ich ein weiches, weiches Löchlein, welches ich gewißlich gemütlich fände wie ein Ratz oder wie ein Erdmännchen oder wie Trolli, unser aller Hamster!

   Oh, ich vergeß, einiges über die allgemeinen Bedingungen und Strukturen des Wunderwerkes mitzuteilen, soweit sie mir sich mitgeteilt haben, versteht sich. Zunächst einmal und vom Äußeren her, kann man sagen: das Ganze ist in verschiedene Teile eingeteilt, in Sätze, Akte, Kapitel, Abschnitte, Szenen, Tafeln, Bilder, oder wie mans nennen soll. Und jedes ist mit einer bestimmten Färbung getönt, quasi in Dur oder Moll oder sonst etwas, jedes ist in einer gewisse eigentümliche Stimmung getaucht, mit welcher jeder Teil nicht für sich dasteht und in der Luft hängt, sondern mit manngifachen, oft zierlichen, und nicht einfach aufzuspürenden Bezügen zu anderen Teilen in oft bedeutungsvoll fataler Beziehung steht. Die meisten Teile haben eine einfache, aber wirkungsvolle Anatomie, die beginnen beispielweise bei oder mit Sonnenaufgang, und unter sanft geschwung’nem Bogen rollen mehr oder weniger wechselvolle Geschehnisse in gleichmäßigem Vorwärtsschreiten dem farbenreichen Abendrot entgegen. Andere Beispiele dagegen gleichen eher einem Holterdipolter sich überstürzender Ereignisse, vieles hoppelt durcheinander, manches geschieht in Zeitlupe. Anderes zu schnell, um’s wahrzunehmen. Fortwährend sind Pausen und Päuschen eingefügt, und Sonne, Mond und Sterne und Laternen gehen auf und unter, wie’s grad kommt. — Oft ergibt sich der Sinn solcher Stellen erst drei Stellen weiter. – In allen Teilen wird die Empfindung deutlich, die selbst Figuren innerhalb des Ganzen hier und da sehr schmerzlich spüren, daß dies alles nur erfunden ist – es ist die dunkele Empfindung des Garnicht-Wahr-Seins und der sehnliche Wunsch, handfest und konkret und nicht nur Schaumgespinst zu sein. Übrigens – in dem gesamten Stück wird – versteht sich! – genügend verballhornt (bis zum Geht Nicht Mehr!)!

2 Kommentare
  1. #1 • Leo Bottrop hat am 11.02.2009 gesagt:
     

    Man müsste Sie vor sich selbst schützen, lieber Herr Holbein, ich meine natürlich Ihr Schreiben, und wenn es Ihre Freunde, Verleger, Lektoren nicht tun, müssen Sie sich andere suchen. Sowas wie der Februar-Text auf Ihrer website, ich sag es mit grösster Deutlichkeit, also brutal, kann Sie als Autor umbringen. Wenn Sie weiter blödeln, Wasserlattenwitze, Männlichkeitsgehampel etc. ablassen, sind Sie bald tot. Wer nicht mehr von den öffentlichen Bibliotheken angekauft wird, kann seine Nachwelt vergessen “ sie hat ihn schon zu Lebzeiten vergessen. Und Sie sind ab 1996 daraus verschwunden, hab ich nachgeprüft. Das Komische, das Groteske wird vollkommen entästhetisiert, wenn es so grobschlächtig daherkommt wie in diesem eigentlich schön ausgedachten Text. Warum können Sie nicht auf Popel, Därme, Penisse und andere sexualisierte Anspielungen verzichten (und die Harald Schmidt überlassen) und trotzdem dasselbe ausdrücken? Fehlts da an Kunst? Wenn Ihr Humor nicht mehr trifft, was er treffen soll und political incorrect sein alles ist, was Sie können, können Sie es auch gleich lassen.
    Ihr Narratorium ist praktisch nicht zu toppen, nichtmal von Ihnen. Der Weg auf den Gipfel endet aber nicht auf dem Gipfel, sondern wenn man wieder unten angekommen ist, wie Eigernordwand-und Mount-Everest-Besteiger immer wieder gezeigt haben. Was kommt also nach N.? Es muss, finde ich ganz unmassgeblicherweise als Leser, noch was ganz Anderes kommen, ein vollkommener Neuanfang, zwar Holbein, aber ein anderer Holbein, mit dem keiner rechnet, vielleicht nichtmal er selber. Dann wird es wieder spannend, aber auch schwer und für Sie selber vielleicht interessant.
    Jedes Werk hat seinen sorgsam verheimlichten Drehpunkt, seinen Himmelspol sozusagen. Ihrer ist aus meiner Sicht die Selbstverulkung; warum das so ist, will ich gar nicht ergründen, das ginge dann schon ins Psychologische. Aber Selbstverulkung darf nicht in Selbstdemontage enden. Das wär zu schade.

  2. #2 • ulrich hat am 13.02.2009 gesagt:
     

    Sehr geehrter Herr Bottrop,
    mein begeisterbarer Blogwart (dessen Windhund ich gelegentlich hüte) hat viel für Sex übrig, also wollt ich ihm nicht mit asexuellen Texten das Leben verdüstern – das ahnt ja keiner, daß sonst noch jemand reinguckt – das ist mir jetzt etwas peinlich. Bitte sehen Sie über die Popel-, Penis- und Darmquote großzügig hinweg. Für Ihre engagierte Sorge um mein literarisches Seelenheil und Survivel danke ich Ihnen; wenn schon Gott mich nicht ewig um sich haben will, weil ich nicht oft genug zu ihm bete, dann sollen wenigstens ein paar Bibliothekskadaver rumstehn, die dann sowieso am zweiten Tag der nächsten Eiszeit, die mindestens 8000-20000 Jahre dauern wird, verheizt werden. Sorry, aber ich denke in etwas weiträumigeren Perspektiven. Daß Bibliotheken mich seit 1996 n. Chr. nicht mehr einarbeiten, wußte ich nicht, hängt eher damit zusammen, daß Suhrkamp Sprachlupe & Isis nicht machen wollte, weil darin Seitenhiebe auf Suhrkampautoren wie Handke angeblich drinstehn (Unseld senior himself schrieb quer drüber „Geht nicht im Hauptprogramm“). Ich beging die Ursünde, um der Arroganz von Suhrkamplektoren menschlich auszuweichen, bei netten Kleinverlagen zu publizieren und schon bin ich out und gehe im Restmüll unter. Sie können mich ja gern im Auge behalten, falls möglich – hiermit prognostizier ich: Nie wieder Glossen- und Zwergobstsammlungen; es kotzt mich an, dauernd dasselbe Buch zu variieren; die eigentliche Katze, samt Windhund, hab ich kurz vor Ladenschluß noch nicht aus dem Sack gelassen, bin aber dran, und da steckt auch ein bissel mehr drin als Selbstverulkung – denn wer bin schon ich, auch nur eine Welle im Ozean. Heimliche Tsunami-Drehpunkte hab ich als Polyphoniker ganz viele; je nach Abstraktionsleistung derer, die von außen gucken, ist’s dann dann mal der, mal jener – da wird keine findige Nase an der Exegese gehindert.
    Keine Sorge – bei H. Schmidt & Otto W. ergreift mich Entsetzen & Panik; Titanic, der ich mehrmals Texte anbot, druckt mich nie; da paßt irgendwas nicht zusammen; selbst bei Gernhardtlyrik gelingt mir keinerlei Lacher – ich bin eigentlich ein ernster Mensch, wenn ich bitten darf, sogar tiefernst, ja, todernst (wie nicht nur meine Paßfotos sattsam beweisen). Mein ästhetisches Fernziel: dies keinesfalls zu verheimlichen.
    Mit entsprechend unbewegtem Gesichtsausdruck, aber vorzüglicher Hochachtung, schönen Grüßen und bestem Dank für Ihre wirklich sehr gut durchdachten, äußerst beherzigenswerten Empfehlungen und Ausführungen – stets zu Diensten — Ihr Ulrich Holbein

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