Hymne auf den Bandwurmsatz

Kurze Sätze sind mir ab und zu zu kurz. Selbst etwas längere Sätze sind mir, selbst wenn sie ein Einschiebsel – gern auch zwei – enthalten, fast immer zu kurz. Unvollständige Sätze sind mir sogar sehr zuwider. Vor allem subjektlose Sätze. Meine Kollegen leiden alle an einer fehlenden Allergie gegen Altmeister Martin Walser: „Ich wollte zu dir. Klar. Im Mund hatte ich noch Englisch. Die Sonne schien. Ich sank einfach ins Gras. Es war am Nachmittag. Die Sonne war schnell hinter den Tannenspitzen des nächsten Waldes versackt. Ich mußte aufstehen. So mutlos wie ein von Anfang an mißglückender Vergleich. Welch eine Idee, diese Strecke zu Fuß zu machen. Ich hätte vielleicht jemanden anrufen sollen.“ Das machte Schule. Nachwuchs schreibt auch so. Stapelweise: „Die vom Bau werden immer lauter. Sie erhitzen sich. Schneiden Speck. Streiten. Reißen vom Brot, spalten die Zwiebeln mit der Faust. Halten Reden.“ Wenn nicht gar so: „Fernbedienung. Kleiner schwarzer Kasten. Kühl. Glatt. Kunststoff. Liegt gut in der Hand. Oval vielleicht. Ich stell mir das Kästchen eiförmig vor. Fahr mir manchmal über die Wange damit. Über den Schenkel.“ Zur Not könnt ich sowas auch. Mach ich aber nie. Aus Gründen. Bevorzug nun mal Bandwurmsätze. Lieber ein verquollenes, unluzides, in sich selbst verbissenes, kaum ohne Atemnot zu durchwanderndes, einknickendes, über sich selber stürzendes Satzungetüm als ein einwandfreier Stummelsatz: Tausend Scheibchen, Hackreste und Leichenteile, die deutschsprachige Gegenwartsprosa in der Gegend rumliegen läßt, geb ich für eine einzige klassische Periode — und schon beginnen sich innerhalb weniger Zeilen ganze Entwicklungen zu stauen und zu entrollen, ja, Welten zu öffnen, z. B. bei Kafka:
„Wenn man sich am Abend endgültig entschlossen zu haben scheint, zu Hause zu bleiben, den Hausrock angezogen hat, nach dem Nachtmahl beim beleuchteten Tische sitzt und jene Arbeit oder jenes Spiel vorgenommen hat, nach dessen Beendigung man gewohnheitsgemäß schlafen geht, wenn draußen ein unfreundliches Wetter ist, welches das Zuhausebleiben selbstverständlich macht, wenn man jetzt auch schon so lange bei Tisch stillgehalten hat, daß das Weggehen allgemeines Erstaunen hervorrufen müßte, wenn nun auch schon das Treppenhaus dunkel und das Haustor gesperrt ist, und wenn man nun trotz alledem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht, den Rock wechselt, sofort straßenmäßig angezogen erscheint, weggehen zu müssen erklärt, es nach kurzem Abschied auch tut, je nach der Schnelligkeit, mit der man die Wohnungstür zuschlägt, mehr oder weniger Ärger zu hinterlassen glaubt, wenn man sich auf der Gasse wiederfindet, mit Gliedern, die diese schon unerwartete Freiheit, die man ihnen verschafft hat, mit besonderer Beweglichkeit beantworten, wenn man durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähigkeit in sich gesammelt fühlt, wenn man mit größerer als der gewöhnlichen Bedeutung erkennt, daß man ja mehr Kraft als Bedürfnis hat, die schnellste Veränderung leicht zu bewirken und zu ertragen, und wenn man so die langen Gassen hinläuft, – dann ist man für diesen Abend gänzlich aus seiner Familie ausgetreten, die ins Wesenlose abschwenkt, während man selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, hinten die Schenkel schlagend, sich zu seiner wahren Gestalt erhebt.“
Der Spannungsbogen, der durch den langsam anschwellenden Stufengang dieses Bandwurmsatzes läuft, quer durch alle Staudämme, Zenitschleusen und Wasserfälle, wird in einem Bandwurmsatz Italo Calvinos noch stärker gespannt, und zwar, indem das Subjekt des Satzes, das bei Kafka noch zu Fuß unterwegs war, nun den Radius des Satzes vergrößert, indem es in einer Eisenbahn sitzt, wechselnde Räume durchfährt, um auf den Schluß zu all die angetippten Stichworte der ersten Satzhälfte, Herodot, Ägypten, Enzyklopädie, Band „Rh – Stijl“, nachdem man sie weiterfahrend bzw. weiterlesend auf allerlei Umwegen über Bienenschwärme, Kohlenstaub und Tunneldurchquerungen bereits seit längerem hinter sich hat, vollzählig wieder von ein und demselben Atemzug des Satzes eingesammelt und mitgeschleift werden, und zwar der Reihe nach folgendermaßen:

Der Bandwurmsatz ist zwar nicht ganz so alt wie die Menschheit. Im Gilgamesch-Epos wurde er – dies aber bloß aus technischen Gründen – vernachlässigt, obwohl das Hirn auch damals schon nicht unbedingt zur Ausschüttung bevorzugt lapidarer Brocken genötigt, sondern voll ausgereift war zur sprachlichen Bewältigung nicht ausschließlich primitiver Gedankengänge. Spätestens aber 170 n. Chr. zeigte der vollendet auseinandergefaltete Bandwurmsatz überall seine Präsenz, nicht nur bei Lucius Apuleius, der unendlich nuancenreicher in Formulierungen schwelgt als Rudi Ment, der heutige Standard-Ghostwriter:
„Himmelskönigin, magst du nun die gütige Ceres sein, die Urmutter der Früchte, die, froh über die Auffindung der Tochter, die tierische Nahrung der in alter Zeit verwendeten Eichel beseitigt hat, um milde Speise zu weisen, und jetzt die Scholle von Eleusis bewohnt, oder die himmlische Venus, die mit Hilfe des von ihr geborenen Amors am Uranfang der Dinge die verschiedenen Geschlechter vereint und das Menschengeschlecht durch ewig erneuten Nachwuchs fortgepflanzt hat und jetzt in dem meerumfluteten Heiligtum von Paphos verehrt wird, oder des Phöbus Schwester, die, mit lindernden Mitteln die Niederkunft der Schwangeren erleichternd, so viele Völker hat gedeihen lassen und jetzt im herrlichen Tempel von Ephesus angebetet wird, oder die durch das nächtliche Geheul Schauder erregende Proserpina, die in der Dreigestalt den Ansturm der Gespenster bändigend und die Riegel der Erde verschließend, in verschiedene Haine sich verliert und an mannigfachen Kultstätten um Gnade angefleht wird, du, die du mit deinem fraulich sanften Schimmer alle Städte erhellst, mit feuchter Glut die fröhlich keimenden Samen nährst und nach dem Umlauf der Sonne dein wechselnd Licht richtest, unter welchem Namen, nach welchem Brauch, in welcher Erscheinung auch immer man dich anrufen muß, hilf du mir jetzt in meiner äußersten Trübsal, laß du mein zusammengebrochenes Glück wieder erstarken, und nach Erduldung der grimmen Schläge gib du mir nun Rast und Ruh!“
Die Schönheit der bisherigen Beispiele klassischer Bandwurmsätze, an der kein Übersetzer rütteln kann und die alle Flachatmer zum Stammeln verurteilt, müßte in der Lage sein, jeden Bandwurmsatzgegner nachhaltig umzustimmen. Trotzdem will mir ständig der bekannte Stillehrer Wolf Schneider die Haupt- und Nebenschachteln meiner schönsten Schachtelsätze, und zwar in seinen Büchern „Deutsch für Profis“ und „Deutsch für Kenner“, madig machen, so madig wie möglich, indem er mir droht, daß ich bald, wenn ich so weitermache, nicht mehr von meinem Publikum verstanden werden würde. Hierzu kann ich nur sagen: Wer an meinen Bandwurmsätzen scheitert, den können auch meine Stummelsätze nicht retten. So oder so sind lange Sätze, samt Inhalt, meines Erachtens nur deswegen unverständlich geworden, weil vor hundert Jahren Buchleser von Zeitungsdurchblätterern abgelöst wurden, und weil inzwischen die Dichter schlechter schreiben als die Publizisten, und nicht zuletzt, weil seit Jahrzehnten alle Stilisten und Sprachdidakten für kurze Sätze plädieren, für immer noch kürzere.
Schneiders Leser werden von Schneider aufgefordert, ab sofort sein zu lassen, was sie sowieso nicht mehr können. Kein Profi und kein Kenner soll sich im Zusammenbasteln klassischer Perioden verausgaben, sondern Extreme meiden, weder zu lange noch zu kurze Sätze bilden, genauer: „das Optimum an eingängigem und attraktivem Deutsch durch einen lebhaften Wechsel von mäßig kurzen und mäßig langen Sätzen“ erzielen — mäßig lang deshalb, weil Wolf Schneider von seiner Inkarnation aus dem Jahre 1944 abhängig bleibt: Ludwig Reiners hat nun mal den Bandwurmsatz die Nationalkrankheit unseres Prosastils genannt — und mäßig kurz deshalb, weil Zwergsätze und Asthmastil in Reiners Stillehre genauso wenig empfohlen werden wie Schachtel- und Kettensätze.
Schneider, angestiftet von Reiners, ungeläutert von Kafka, Calvino und Apuleius, wirft Zopfstil bzw. preußisches Kanzleideutsch und den Schachtelsatz der klassischen Dichter, statt in zwei Töpfe, bloß in einen davon. Er tauscht die Fallbeispiele zeitgemäß ab: Wo Reiners Heinrich von Treitschke, Helmut von Moltke, General von Scharnhorst, Bismarck, Goethe, Kleist und Löns zitiert, zitiert Schneider aus taz und FR, Kraus und Kleist und Goethe, bedient sich aber derselben Argumentation wie Reiners: Lange Sätze machen den Stil insgesamt undurchsichtig und unrhythmisch. Folglich tadelt Reiners Bandwurmsätze von Grillparzer, Hebbel und Stifter, lobt hingegen das durchsichtige Deutsch unserer Wehrmacht: Soldatische Sätze erhalten ihren Schwung von hartem, kühnem, zupackendem Geist, derweilen aus dem Schachtelsatz bloß eine müde, unentschlossene, zerfahrene Lebenshaltung blicke, weshalb Reiners dem deutschen Unterricht einen neuen Volkssport anempfahl: das Zerschlagen langer Satzgefüge, nicht aller, aber tendenziell fast aller, und zwar durch Umwandlung von einem undurchsteigbaren Durcheinander aus Nebensätzen, z. B. diesem hier: „Die Armee durfte ihre Bestimmung nicht erfahren, indem schwerlich zu hoffen war, daß sie dem Rufe eines Verräters gehorchen würde“ in eine straffe übersichtliche Anordnung von Hauptsätzen, und zwar so hier: „Die Armee war schwerlich bereit, dem Rufe eines Verräters zu gehorchen. Sie durfte ihre Bestimmung nicht erfahren.“
Solche Entschachtelungsspielchen, die ein mißlungenes Vorher und ein vermeintlich verbessertes Nachher tendenziös einander gegenüberstellen, hat Schneider von Reiners voll übernommen, mit dem Unterschied, daß Reiners immerhin einen mittellangen Satz von Schiller gerade noch als übersichtlich einstufte: „Es gibt Augenblicke in unseren Leben, wo wir der Natur in Pflanzen, Mineralen, Tieren, Landschaften sowie der menschlichen Natur in Kindern, in den Sitten des Landvolks und der Urwelt, nicht weil sie unseren Sinnen wohltut, auch nicht weil sie unseren Verstand oder Geschmack befriedigt (von beiden kann oft das Gegenteil stattfinden), sondern bloß weil sie Natur ist, eine Art von Liebe und von rührender Achtung widmen“ — derweilen für Schneider bereits ein Fasse-dich-kurz-Stummel à la „Meister werden konnte einst nur der Geselle, der die Tochter oder die Witwe seines Meisters heiratete“ bereits entschieden zu unübersichtlich ausfällt, weshalb Schneider folgende Verbesserung vorschlägt: „Meister werden konnte einst nur der Geselle, der die Tochter seines Meisters heiratete — oder dessen Witwe.“ Hier führte der Zeigefinger des Herrn Beckmesser stracks ins Fettnäpfchen des Herrn Ballhorn. Da ist nichts übersichtlicher geworden, sondern ein ganz andere Aussage entstanden: Die nachgelieferte Witwe springt am Schluß unschön als Knalleffekt hervor, so als hätte sie während der langen Gesellenzeit nie gleichberechtigt und organisch neben ihrer Tochter gestanden, deren Jugend sie womöglich dank ihrer Reife und Attraktivität von Anfang an überstrahlt hat, derweilen sie für Schneider nur als allerletzte Wahl in Frage kommt, am kurzen Seil des Gedankenstrichs urplötzlich im letzten Moment herbeigezogen vom Entschachtelungspedant, der sich bei dieser Tätigkeit auf die achtjährige Forschungsarbeit des Paderborner Instituts für Kybernetik beruft, auf deren hämische Resultate, die da depremierenderweise lauten: Sechzig Prozent aller Leute hören auf, einen Satz zu verstehen, der mehr als vierzehn Worte enthält. 30 % kriegen allenfalls Elf-Wort-Sätze mit. Schneiders saftloser Kommentar: „Dabei ist zu beachten: Die Unterstellung, Texte zum Lesen dürften länger sein als Texte zum Hören, ist populär, aber dubios (S. 69 f.).“ Statt also bis in die Grundfesten zu erschrecken, aufgestört einen Blick in die Zukunft fortschrumpfender Kulturvoraussetzungen zu tun und über Strategien zu brüten, wie man die Leute dazu bringen könnte, nach und nach – wenns auch schwerfällt – Sätze mit sechszehn bis neunzehn Worten zu verstehen – es müssen ja nicht gleich zweiundneunzig Worte pro Satz sein, wie im „Tod des Vergil“ von Hermann Broch -, kommen die Paderborner Resultate, genau wie die unverantwortliche These des Tübinger Sprachwissenschaftlers Erich Straßer, unser Kurzzeitgedächtnis habe beim Zuhören eine Speicherkapazität von sieben bis maximal vierzehn Wörtern, Wolf Schneider und seinen Wegen zum guten Stil bzw. seiner argumentativ hinterfütterten Identifikation mit dem irreperablen Irrwahn, daß das viel zu Kurze immer noch zu lang sei, genauso gelegen wie Schopenhauers angebliches Votum gegen Schachtelsätze, oder wie jener extrem dümmliche Spruch des Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, den Schneider Lang- und Vielschreibern wie mir über den Schreibtisch zu hängen empfiehlt: „Alles, was man weiß, nicht bloß rauschen und brausen gehört hat, läßt sich in drei Worten sagen.“
Plädiert der bekannte Sprachphilosoph Ludwig Wittgenstein wirklich für Dreiwortsätze von Walser à la „Die Sonne schien“? Und wieso ist dieses Wittgensteinzitat, das neben jedem davonschwebenden Bandwurmsatz schwerstbehindert einherhumpelt, für Wolf Schneider nicht viel zu lang? Statt sich in drei Worten sagen zu lassen, führt es in der Mitte eine unnötige Schachtel mit sich. Außerdem hören sich rauschen und brausen viel zu ähnlich an, als daß nicht eins davon, z. B. das Rauschen, bereits genügen würde. Immer wieder blähen sich Einschiebsel zum Krebsgeschwür auf, das seinen Träger, den krebskranken Körper, zur aufbrechenden Hülse macht, und dies leider bereits ab Lucius Apuleius: „Thessalien – denn dort liegt der Ursprung meiner Abstammung mütterlicherseits, und daß sie sich von dem bekannten Plutarch und seinem Neffen, dem Philosophen Sextus herleitet, verschafft mir Ruhm – Thessalien also suchte ich in Geschäften auf.“ Das führt perverserweise so weit, daß sich schließlich die Hülse auf den Tumor des Einschiebsels bezieht und stützt, wie wiederum in einem Satz von Kafka: „Gerade an diesem Abend – Gregor erinnerte sich nicht, während der ganzen Zeit die Violine gehört zu haben – ertönte sie von der Küche her.“
Wolf Schneider spielt Papst, der Polyphonie verbietet, und bewegt sich so, wider Willen, dem analphabetischen Fernziel entgegen, mit der amusischen Begründung, es genüge nicht, daß das ideale Ohr Gottes das akustische Ineinander durchschaue, sondern es komme darauf an, die Textverständlichkeit für die jederzeit überforderte Gemeinde zu erhöhen. Deshalb: Nieder mit der Kunst der Fuge! Wozu Melodien übereinanderschichten, wo man das Zeug doch bequem und übersichtlich als Nebensatzkonstruktionen hintendran hängen könnte? Schneider weiß nichts von Schuberts himmlischen Längen, er zählt bloß die Atempausen, verpaßt vor lauter Mitgestoppe die schönste Musik.
Wer nicht schreiben kann, will wenigstens entschachteln, obwohl das Wort Entschachtelung eher aus Ludwig Reiners Zeiten stammt und dementsprechend im Lexikon „NS-Deutsch“ von Brackmann/Birkenhauer zwischen Entfeinerung, Entjudung, Entnordung, Entrassung, Entrümpelung und Entstädterung, entrahmter Frischmilch, Entvolkung, Entwarnung, entwehrt und entwelschen steht. Also ab sofort bitte Vorsicht! Nie wieder entschachteln!
Das verbessernde Antasten, das Beschneiden und Zurückschneiden blieb nicht ohne eine Eigendynamik, die zu dem immer exzessiveren Verstümmeln von Obstbäumen und schöngewachsenen hundertjährigen Linden paßt. Am Schluß stehen nur noch Strünke und Rumpfleichen, die den Autos nicht mehr die Sicht nehmen, in der Stadtlandschaft herum, statt weitausgreifende, melodisch durcheinanderflutende Baumkronen und Buschmassen. Hierzu ein episches Epigramm von Ulrich Sonnemann:
„Nachdem die Betonierung des deutschen Waldes endlich im ganzen Bundesgebiet ohne siechende Überreste zur Gewährleistung einer gesunden Wachstumsordnung gelungen war, wurde er als Dachwald der entstandenen Einheitsstadt von den Landesforstministerien völlig neu angepflanzt, unterschied aber von dem einstigen sich nicht nur durch seinen viel betonteren Mischwaldcharakter, da er mit dem älteren schlank ragender Fernsehantennen bald in jener träumerischen Ausgewogenheit sich durchwachsen hatte, von der letzterer ohnehin lebt, sondern mehr noch durch die Besonderheit, die nur zu Anfang für das Schalenwild, auch Vögel hörte man seltener, das Problem schuf, dem erst deutsche Tierliebe sich gewachsen zeigte, als sie durch Einhegung auf erlesenen Sonderdächern, den dann berühmt gewordenen Halaliminarien, die Lösung fand, um die die Welt uns beneidet: daß der unzähligen abrupten Schluchten wegen, Canyons, die den Colorado beschämen mußten, flossen die Ströme eines unerschöpflichen Blechverkehrs doch majestätisch auf ihrem Grunde dahin, man zwar nirgendwo mehr recht weit im Wald – sogar Holzwege waren ja abgeschafft – wandern konnte, zu seinem Vorteil aber bei Sonntagsspaziergängen einfach durch Fahrstuhlfahrt zu jeder oberen Endstation gleich im Grünen war; welchen Wandel das Volk, zur Verhäuslichung auch seines Naturverbrauchs still herangereift und für Heimhumus aufgeschlossen, auch von so ausgesuchten Feinheiten in der Planung der Ministerien stark angetan wie daß Dachrinnen, die mit der Stimme von Bächen rauschten, was ihnen beizubringen deutscher Tontechnik ohne einen einzigen Tropfen Wasser gelungen war, einen nun allabendlich schon ab neunzehn Uhr – zu allem Überfluß ohne Extragebühr – in den Schlaf murmelten, mit Begeisterung aufnahm.“
Solche Ungetüme bilden eine wuchernde Gegenbewegung zur Verkarstung jeglicher Landschaft. Um das fehlende Wuchern abgestorbener Bäume wettzumachen, nimmt die ihrerseits ausgestorbene Periode noch einmal alle Kraftreserven zusammen, um ein Gebilde hervorzuwürgen, das alle, denen es schon in den Fingern juckt, die Heckenschere der Stilsicherheit anzusetzen, das Sonnemann-Monstrum zu bändigen, die ellenlange Angelegenheit in schöne kleine mundgerecht abgepackte Einzelportionen zu zerlegen, pro Teilschritt ein Satz — solche Ambitionen prallen an diesem Plädoyer für vergrößernde Verkomplizierung Gordischer Knoten, querliegend im Zeitalter seiner permanten Zerschlagung, ab. Sonnemann, hervormäandernd aus flächendeckender Begradigung, alle Kurzzeitgedächtnisse überrollend, kämpft als verdrehtes Mahnmal versunkener Differenzierung gegen alle, die im Zeitalter des Waldsterbens weiterhin – z. T. mit gar nicht so verkehrten Argumenten – fürs Abholzen plädieren.
Reiners ging beim Abholzen immerhin vorsichtig vor; den approbiertesten Bandwurmsatzdichtern wurde ein Extra-Bonus eingeräumt: „Wer einen Carlos, einen Grünen Heinrich oder einen Hutten geschrieben hat, der mag gelassen seine Perioden bilden, wie ein Gott ihm eingibt. Ihm kann kein Stilbuch etwas lehren, es kann von ihm nur lernen. — Wir anderen wollen uns der natürlichen Grenzen unsrer Sprache bewußt bleiben: kurze, meist beigeordnete Sätze sind für uns das beste Ausdrucksmittel unserer Gedanken und Gefühle.“ Soso: Wir anderen sollen uns also mit Mitpfeifschwachsinn begnügen, mit Heino und den Wildecker Herzbuben, „Knorr – Essen mit Lust und Liebe!“ — obwohl uns das nicht in jedem Falle genügt und wir im Grunde auch mal gern ein Klavierkonzert von Mozart komponieren würden, oder einen Text von Kleist, worin doch nun wirklich unzumutbar drauflosgeschachtelt wird – supersperriger gehts nicht! Doch ach: Kleist darf. Schönberg aber und Penderecki sollen gefälligst leicht verständlich bleiben. Am besten nicht komponieren. Sondern singen: Sir Popper wird – zuungunsten Adornos – hochgejubelt. Das ist aufschlußreich. Nicht minder als Reich-Ranickis Lob von Hilde Spiel und Ernst Robert Curtius. Aufkosten von Adorno und Benjamin, die angeblich in ihren Essays nur selten das Bedürfnis verspürt haben sollen, uns, ihren Lesern, verständlich zu werden. Uns, für die kurze Sätze genau das richtige sind. Um nämlich unsere kurzgehaltenen Gedanken und Gefühlchen auszudrücken. Wobei man uns kundig und verantwortungsvoll die Hand führt. Es sei denn, wir schwafeln einfach drauflos. Wie uns unsere Schnäbel wuchsen. Schwadronieren drauflos. Ohne groß drauf zu achten, ob dabei Deutsch für Kenner rauskommt. Und siehe, kaum kommt das Maulwerk mal so richtig in Schwung, kommt im Nu ein guter alter unverhoffter Bandwurmsatz zustande, ohne daß dieser seitens seines Schöpfers, der in diesem Fall Eckhard Henscheid heißt, kunstvoll konstruiert werden müßte, übrigens eine Inhaltsangabe von Wagners Ring, ungeschönt und ungekürzt aus dem Mund eines stilistisch wundersam unbeleckten Pop-Freaks: „dieser ganze abgeschlaffte abendländische Kulturhitpessimismus, dieser ganze astrein abgefuckte tragische Rotz — da hab ich echt Feeling dafür, und der alte Mythenheini, das merk ich direkt, ist genauso irr ausgeklinkt wie ich.“
So ein Satz fegt jeden hinweg, der sich das Bandwurmsatzverfassen als Schwerarbeit vorstellt, als mühsames Zusammenleimen im Grunde ganz einfacher Sätze, die dann der arme Leser wieder auseinanderfummeln muß, um zum Verständnis zu gelangen — getreu dem geistfeindlichsten aller Wahlsprüche: Erst das Verständnis, dann die Kunst. In der Krypta des Formulierens aber geht es anders zu. Da muß nicht endlos gebosselt werden, sondern die Eingeweihten im Tempel des Bandwurmsatzes haben – im freien Flug quer durch eigene Satzkonstrukte – eher das Problem, irgendwann den Punkt in Sicht kommen zu lassen und rechtzeitig zu bremsen. Begrenzte Lustgewinne des Entschachtelns verschwinden neben der Wollust orchestral loslegender Großhirnrinden und ihrem Dahingleiten auf Einschiebseln und weitergedrehten Stromschnellen, immer der holoistischen Maxime getreu: Das Netz ist mehr als die entschachtelte Summe einsam und linear vor sich hinkriechender Fäden. Und: Erst mit dem vierzehnten Wort beginnt frühestens ein Satz zu atmen und sich aufzuschwingen: vorher bleibt alles nur Hackverschnitt und Gebell, statt Muskelspiel und Satzmelodie.
Selbst das gesprochene Wort verhält sich hier nicht wesentlich kurzatmiger als das geschriebene. Im vierten seiner zwanzig Vorträge über Geisteswissenschaft und Medizin, gehalten 1920 in Dornach, finden sich Bandwurmungetüme, deren Länge und Verschlungenheit Zeugnis dafür ablegt, daß auch die mündliche Rede sich von ihren Einschiebseln nicht davon abbringen läßt, die innere Peristaltik immer weiter und weiter laufen zu lassen, so als entspräche den Hirnwindungen der Windungsreichtum der Darnsysteme, samt aller Sackgassen und Zusatzschniepsel:
„Wenn Sie wirklich das ausführen – den jüngeren Herren lege ich das besonders ans Herz -, daß Sie vergleichende Studien machen über die Umformung des ganzen Darmsystems, sagen wir, von den Fischen herauf über die Amphibien, Reptilien – besonders die Beziehungen der Amphibien, Reptilien in bezug auf das Darmsystem sind außerordentlich interessant -, hinauf zu den Vogel auf der einen Seite, zu dem Säugetiere und dann bis herauf zum Menschen auf der anderen Seite, so werden Sie finden, daß merkwürdige Umformungen der Organe stattfinden, das Auftreten zum Beispiel der Blinddärme, desjenigen, was dann beim Menschen zum Blinddarm wird, bei niederen Säugetieren oder da, wo die Vogelorganisation etwas aus sich herausfällt und Blinddarmansätze beim Vogel auftreten; die ganze Art und Weise dann, wie sich aus dem bei den Fischen ja ganz und gar nicht vorhandenen Dickdarme – man kann nicht reden von einem Dickdarm bei den Fischen -, durch den Heraufgang durch sogenannte vollkommenere Ordnungen das ergibt, was Dickdarm ist, was dann Blinddärme und beim Menschen Blinddarm ist – gewisse andere Tiere haben mehrere Blinddärme -: da finden Sie ein merkwürdiges Wechselverhältnis.“
Schöne Synthesen zwischen klassischem Bandwurmsatz und heutigem Hackverschnitt finden sich in „Sindbadland“ von Gerold Späth, jede Synthese anderthalb Seiten lang. Die dort losgelassenen Mitschnitte unterwegs zum Reden veranlaßter, ohne Verständigungsprobleme draufloserzählender Reisebekanntschaften zeigen einerseits genau, daß praktisch kein Gehirn allzu früh das Satzende finden will; jeder Punkt, der zwischendurch beinahe in Sicht kommt, wird vom Erzählfluß überrollt und auf diese Weise in ein Komma umgewandelt; selbst hinter Ausrufezeichen geht es klein weiter, und zwar beispielsweise so:
„Wir haben hier im Norden gut schwatzen, sagt sie, ich bin meinen Mann losgeworden, ein Sklaventreiber! und Sie sehen auch nicht wie ein Überfahrener aus, aber in Nigeria am Rand der Highways die Markierungen, bestenfalls, nämlich ein hingelegter alter Reifen, und daneben eine Leiche, wenn nämlich dort das Unglück Sie trifft, daß Sie einen Menschen überfahren, ohne Ihre Schuld, weil nämlich jedermann über die Straße trabt wie das hirtenlose Vieh, man läuft einfach in Ihren Wagen hinein, der Weiße fährt immer, er fährt oder läßt sich chauffieren, aber all diese black people zu Fuß, Flußblinde und überhaupt, halten sich an einem Stab und schimpfen, so lassen sie sich führen, manchmal stößt so ein junger Bursche seinen blinden Alten oder den Onkel oder einen älteren Bruder vor Ihren Wagen und haut ab, oder einer wirft sich wie nichts vor Ihre Karre, nicht aus Unachtsamkeit und nicht weil die Zeiten miserabel sind, einfach so, es passiert und damit ist es passiert, und zwar Ihnen, da gibt es nur eins: aufs Gas und ab und davon! tun Sie es nicht, holt man sie raus und es ist aus, man zwängt Ihre Beine in einen Autoreifen und zwängt einen Reifen über Ihre Schultern, alte Reifen liegen überall, der übliche Abfall, die Leute laufen zusammen, Sie sind geliefert, Sie können um Hilfe rufen, Sie können Geld bieten, Sie können alles versuchen, man überschüttet Sie mit Benzin und zündet Sie an, die Toten bleiben liegen, die Fliegen kommen, die Überfahrenen werden noch oft überfahren, verdrehte Glieder, Blutfladen mit Händen und Füßen, ich sage Ihnen: Gas geben und ab! schnell weiter! sagt sie, sie habe nie gedacht, sie sei immun, etwa rassehalber, sozusagen, aber sie wisse erst seither, wie schlecht einem werden könne, wir alle hier im Norden haben gut schwatzen, sagt sie, weiß Gott!“
Flüsse bleiben hierzulande allesamt in ihren Betten, Redeflüsse treten immer wieder über diverse Ufer und spülen dann alle stilistischen Warnschildchen erfrischenderweise hinweg. Rudi Ment braucht beim Einschrumpfen keinen Fürsprech.
Zu befürchten ist, daß ab 95 und folgende eine weitere Inkarnation Schneiders aufstehen wird, die dann – angestiftet vom heutigen Schneider – derart gründlich die heillose Simplizität des 21. Jahrhunderts entschachteln wird, daß dann wirklich der letzte Rest Klassik exorziert sein wird, wobei nirgendwo ein wenig Hochkultur überhaupt erst hochgekommen wäre, wenn es jederzeit so gebremste Typen wie Schneider und Reiners gegeben hätte und Goethe und Mann und Broch sich allesamt gutgläubig an so unspendable Stilistiken wie die von Schneider und Reiners gehalten hätten.
Vielleicht gibt es Augenblicke, in denen auch Wolf Schneider sich der tröstlichen Ahnung nicht gänzlich verschließt, daß Herr Rudi Ment beim Einschrumpfen keinen Fürsprech braucht, ferner, daß die Natur jederzeit an längeren Hebeln sitzt als jedes Reglement. Immerhin, zum Glück plädiert Wolf Schneider nicht im selben Aufwasch für die bevorstehende kleinschreibung, obwohl das atmosphärisch stimmig zu seinem kampf gegen den bandwurmsatz passen würde.
Ror Wolf: „Ein schwacher Gedanke erzeugt natürlich nur eine geringe Wirkung, genau wie ein schwacher Luftzug die Tischdecke oder die Vorhänge vor mir nur leise bewegt; ein starker Gedanke dagegen läßt die Tischdecke mit dem Geschirr emporfliegen vom Tisch und hinaus durch die wehenden Tüllgardinen, hinauf in die Luft, immer weiter, bis wir sie aus dem Auge verlieren und unsere Gedanken einem anderen Gegenstand zuwenden, etwa dem Schrank, dessen Türen mit aller Macht auseinanderfliegen und aus dem Schrank heraus stürzen zwölf Männer, die alles in Unordnung versetzen um uns herum, sie stürzen ins Freie, weit in die Ferne hinein.“