Chance verpaßt
Lamento eines Pechvogels
Oft pfiff ich einen Fandango von Boccherini, für Gitarre und Cembalo und wartete jahrelang am Radio auf die Originalfassung für Streichquartett…und Kastagnetten, nur kam diese Musik nie. Recherchen im Tonträgerhandel: erfolglos. Dann trampte ich sommerlich durch Südeuropa usw. Auf dem Rückweg von Venedig, kurz vor Wien, griff mich bei Spätlicht ein Ford transit auf, acht Jugendliche, auch ältere dazwischen, eine lachende Rotwein-Clique mit Gitarren. Zwei davon schaukelten als frisch schmusendes Pärchen abseits; ansonsten blieb unklar, wer zu wem gehörte. Man nahm mich mit; bei Toni konnte ich übernachten. Ein gewisser Dieter hatte Pickel. Manchmal halbierte sich die Gruppe, manche gingen Jobs nach. Wechselnde Wohnungen, ständiges Kommen und Gehn. Tonis Tante hatte ein Kino; Kartenabreißer Toni hatte sein Leben im Kino verbracht. Ich saß im Plus-Minus-Knäuel dieser lustigen Leute, irgendwo südlich von Wien, saß täglich kostenlos im Kino, egal was kam, vor allem in Massenkarambolagen aus: „Oskar laß das Sausen sein“. Stets dabei war die sog. „Maus“, ein sehr zierliches Mädchen, wenig redend, oft lächelnd, fast zu kleingebaut, um Eventualfall zu sein, doch in sich überaus wohlproportioniert. Wie sie wirklich hieß und wohin sie abends verschwand, entging mir irgendwie. Nächstentags war sie stets wieder dabei. Mein Tagebuch von damals schweigt, erwähnt bloß, daß die Maus maurischer Abstammung war. Nach drei Tagen reiste ich weiter. Mit Toni tauschte ich die Adresse; von Oslo sandte ich eine Postkarte an die Gruppe, auf der ich auch das Wort Maus verwendete. Dann verlor ich Tonis Adresse und jeden Kontakt zu Wien.
Ein Jahr später war in der Funk-Uhr endlich der gesuchte Fandango von Boccherini angekündigt, auf HR 2. Ich lebte auf den Tag hin, reiste extra 50 km an, um mit dem elterlichen Gerätepark das Stück aufnehmen zu können. Ich hörte das ganze Konzert, um Boccherini keinesfalls zu verpassen. Vorher kam allerlei Cembalo…da klingelte das Telefon. Keiner wußte, daß ich hier war. Es konnte nicht für mich sein. Ich nahm ab, da wars die Maus. Ich war baff. Wie hatte sie die Nummer meiner Eltern rausgefunden? Da hörte ich die Ansagerin Vivaldi absagen. Ich stammelte, ob das von Österreich aus nicht zu teuer sei. Die Maus meinte nein. Boccherini wurde angesagt. Ich stammelte, wir müßten aufhören. Sie stutzte, schwieg, selber hilflos, ich legte auf und stürzte an den Anknopf, drückte auf On — hätt ich doch nur auf den Anfang verzichtet! Hätt ich wenigstens gesagt: „Sekunde mal!“ oder: „Ruf gleich nochmal an!“ Statt dessen hatte sich mein Gestammel für die Maus so anhören müssen, als sei mir ihr Anruf unangenehm und als verweigere ich ein Gespräch. Weswegen hatte sie überhaupt angerufen? Vielleicht wollte sie eine Reise ankündigen…oder war sie verzweifelt und ich eine letzte Adresse? Ich suchte mich dusselig nach Tonis Adresse, befragte umsonst mein Hirn nach Tonis Nachnamen. Ich graste in der Spalte M von Telefonbüchern herum; ich hörte nie wieder Boccherini; ich besuchte oft meine Eltern, stürzte bei jedem Klingeln ans Telefon. Damals hatte ich die Maus viel zu wenig beachtet; immer reizvoller erschien mir in der Erinnerung ihr zartes Figürchen; erst jetzt merkte ich das so recht. Vielleicht liebte sie mich, und ich hatte im Oskar gesessen, der das Sausen nicht sein ließ, und hatte nichts gemerkt, dumpf, blind, ohne Intuition. Sinnlos hatte ich sie zurückgestoßen, dieser unwichtigen E-Musik wegen, und ohne Adresse und Namen zu haben, und keine Chance, nochmal angerufen zu werden. Jahre später ließ ich mich nach Wien kutschen, fand den Vorort nirgendwo wieder, auch das Kino von Tonis Tante nicht, dirigierte nachts um 11 unser Auto über fremde Autobahnzubringer, fuhr 1990 nach Bratislava, 1992 nach Klagenfurt und Graz immer nur in Gedanken an die Maus. Oft jaul ich unvermittelt auf, mitten im Gespräch mit bebrillten Ansprechpartnern in Frankfurt und Berlin, beim Studium diverser CD-Angebote, oder wenn auf 3SAT ein Film über maurische Architektur kommt.
