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Sei anmutig, auch wenn’s schwerfällt!

11. Dezember 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 1

Sei anmutig, auch wenn's schwerfällt!

War der Sündenapfel eine Banane der Erkenntnis?

14. September 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 1

Dem Sündenfall der Pflanzen und Tiere folgte der Sündenfall der Engel: Aus ihrem Himmel gestoßen, fielen sie Bäumen entgegen, die in den Himmel wuchsen. In vorirakischen, vorgnostischen, vorbiblischen, fast vorsumerischen Schöpfungsmythen verlief alles etwas anders als später dann bei Eva und Adam. Adams Vorfahr Adapa oder Adamu fällte den ältesten Welt- und Lebensbaum von Babel und unterbrach so die baumförmige Nabelschnur zwischen Himmel und Erde, Eden und Elysium. So koppelten Menschen sich ab von Gott. Laut anderer Textbruchstücke soll Adapa noch im Paradies Urmutter Chawwa, später auch Eva genannt, geschändet haben, was Sexisten gern mit „vergewaltigt“ übersetzten, von Umweltschützern lieber mit „verschandelt“. Jedenfalls wurde Adapa deshalb entweder rausgetrieben aus dem Vielstrom-Paradiesgarten, oder Fata Morgana selber blühte ab, auch Fata Maja genannt, samt Flora und Pomona. Ihr Standort erodierte fatal.
Später keimten scholastisch und rabulistisch florierende Zwiste auf, als was für eine Obstsorte ursprünglich die Frucht der Erkenntnis eigentlich wissenschaftlich festgelegt werden könne – Granatapfel oder Maulbeerfeige? Der Haggadah zufolge eine Feige. Christliche Ikonographie zeigte stets einen Apfelbaum – wie aber kann ein Apfelbaum Feigenblätter bzw. ein Feigenbaum Sündenäpfel produzieren? Im Islam wurde der Erkenntnisbaum zur Bananenpalme, und die Banane zu Muhammads halbmondförmiger Lieblingsfrucht, die vor allem im Paradies nicht fehlen wird, siehe Sure 56, allwo Talhabäume zwar auch mal mit Akazien übersetzt wurden, oder Sumachgewächsen (Ehus coriaria), mehrheitlich aber mit gebüschelten Bananen oder Bananen mit Blütenschichten. Auf spätmittelalterlichen Mutter-Kind- bzw. Jungfrau-Maria-Jesuskind-Gemälden lag auf der Brüstung stets ein Apfel, der das neue ans alte Testament band, alsbald auf späteren Bildern seine religiöse Symbolik einbüßte oder losließ und dann nur noch als weltliche Birne dalag. Im „Lost Paradise“ des John Milton steht der Erkenntnisbaum wiederum als Feigenbaum da, doch nicht etwa als gemeine Feige, sondern als imposanter Banyanbaum, Ficus bengalensis, zu deutsch auch: Würgefeige, weil die Überfülle der Luftwurzeln sich zum Wald auswächst und hierbei den Mutterstamm erdrückt.
Heutige Pilzenthusiasten und Fliegenpilzfetischisten wie Clark Heinrich erkennen ihren Fliegenpilz nicht erst im gebrochenen Brot des Abendmahls und im brennenden Busch des Moses wieder, sondern überdies in der botanisch undefinierten, jedenfalls angeblich tödlichen, also giftigen Rauschfrucht der Erkenntnis, und zudem in der Giftschlange; denn sowohl Pilzstiel wie Schlange häuten sich, und sowohl Jungpilz wie Apfel liegen rot und rund im Gras. Nur fallen in dieser allzu expansiv mykophilen Erklärung dann wieder die Feigenblätter stillschweigend unter den Tisch.

Aufsteiger und Aussteiger

08. April 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 1

Selten stiegen so viele Aussteiger aus wie heutzutage – pro Jahr siedeln 3000 Bundesbürger nur allein nach Mallorca aus, neue Australienansiedler gar nicht erst mitgerechnet. Fast könnte man sich fragen, wer überhaupt noch hierbleibt. Aussteigen bringt allerdings derart viele organisatorische Aufgaben mit sich, daß kaum ein Aussteiger sich zwischendurch die genetische Herkunft des Aussteigens klarmacht.

Im Neolithikum stieg überhaupt keiner aus; Ausstoß oder Rückzug aus der Horde hätte den baldigen Tod in der Wildnis bedeutet. In frühen religiösen Ansätzen stieg man nicht aus, sondern auf — Schamanen stiegen aus der unberauschten Wahrnehmungswelt ihres stets pragmatisch organisierten Clans aus und flogen im Seelenflug durch höhere Welten, etliche Jahrtausende lang, alsbald einigermaßen beerbt von Hoch- und Weltreligionen: Buddhisten stiegen aus dem Rad der Wiederkunft aus, oder wollten aussteigen; Urchristen, Christen, Barockchristen wollten aus dem irdischen Jammertal auf- oder aussteigen in Richtung güldenen Himmelreichs. Brahmanen stiegen im Greisenalter aus ihren familiären Zusammenhängen aus und zogen sich in den Urwald zurück. Erst 200 n. Chr. nahm das Aussteigen flächendeckende Ausmaße an. Paulus und Antonius rühmten sich, die ersten Eremiten auf europäischem Boden zu sein und lösten schier einen Klausnerboom in der Thebais aus – als Anachoreten und Neotroglodyten, wie man späterer Wohnklotzbewohner gern nannte, die in ihren Mietskasernen hausten wie die Steinzeitler in ihren Felshöhlen. Reiche Römer zogen sich zeitgleich aus weltstädtischem Gewimmel auf ihr Tusculum zurück, ihr arkadisch-bukolisches Landgütlein, und ergingen sich dort im Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande. Nachdem nicht mehr die ganze Person gen Himmel flog, sondern nur noch im Tod die Seele aufstieg, gabs nochmal ein Zwischenspiel: Guiseppo de Copertino (1603-1663), weil er meterweit durch die Kirche flog, wurde als Flugheiliger heiliggesprochen. Dann aber säkularisierte sich religiöses Aufsteigen zu profaner Karriere in menschlichen Hierarchien und in geographischer Horizontale. Aussteigen hieß von fortan – dezentral aus unangenehmen Relationen in etwas angenehmere Realtionen ausweichen, Stadtflucht, Zivilisationsflucht. Im China der Tang-Dynastie trieb das daoistische Einsiedel-Ideal konfuzianisch und bürokratisch eingeengten Bürokratismusses tauesende leidender Beamte als dichtende und lauteschlagende Einsiedler in die Berge, wo sie Herbst und Winter meist wieder zurücktrieben. Statistisch schwierig nachzuweisen, wieviel tatsächliche Einsiedler es jemals gab. Im Mittelalter zogen sich lediglich Verbrecher oder versprengte Soldaten in die Wälder zurück; der mittelalterliche Einsiedler, der liebreich Rehe füttert und die Sprache der Waldtiere versteht, entstand erst durch romantische Verklärung, umspielt von herzrührenden Legenden, gemalt von Ludwig Richter und Carl Spitzweg. Als ein französischer Herzog, bewegt von Rousseau-Idealen, einen Wald gratis zur Verfügung stellte, samt Baumhaus für interessierte Einsiedler, meldeten sich auch einige Anwärter, aber keiner dieser ornamental hermits (Ziereremiten) hielt es im Wald länger als 20 bis 30 Stunden aus. Jeder drängte kontaktsüchtig zurück ins nervige, zwiespältige, lästige Gesellschaftsleben. Erst in den Industriegesellschaften wurde das Aussteigen zur Massenbewegung. Tourismus ging über ins Auswandern. Einer der extremsten Austeiger aller Zeiten: Dr. August Engelhardt (1877-1919), ein Extremvegetarier, der sogar Obst und Gemüse ablehnte und als Sonnenkult-Kokovore in der Südsee sich einzig von Kokosnüssen ernährte, entsprechend abmagerte, auch erkrankte, aber nie sein absurdes Ideal losließ. Die erste deutsche Landkommune unter Karl Wilhelm Diefenbach wurde 1886 gegründet, bald gefolgt vom ersten deutschen Nudistenprozeß. Zwischen 1900 und 1930 liefen in Mitteleuropa zahlreiche, lebenslang sehr kosequent ausgestiegede Naturpropheten herum, beredte Ur-Hippies und Landstreicher mit wildbewegten Lebensläufen, umschwirrt von Mitläufern und Wandervögeln, Gusto Gräser, Gustaf Nagel, ehe dann Hippiezeiten und alternative und grüne Lichtblicke aufkeimten und abblühten, oder auch funktionierten und auf die Verhältnisse nicht ausgestiegener Menschen zurückwirkten. Oft gab es mitten im falschen leben ein durchaus deutlich weniger falsches Leben, traumweise und zeitweise sogar ein durchaus richtiges Leben, das aber arg oft ins eher unrichtige Leben zurückkippte. Voraussehbar bleibt und wird, daß insgesamte globale Entwicklungen stellenweise so hart und problematisch werden, daß das Aussteigenwollen immer häufiger werden wird. Ob sich das Aussteigen zurückverwandeln kann ins ursprüngliche Aufsteigen, bleibt Betrachtungssache; voererst wurde das Aufsteigen von dröhnenden Maschinen übernommen und aufsteigende Engel oder Himmelsfahrer sind zur Zeit eher in hellbläuliche, oft recht flache Esoterik abgewandert, also aus ernstnehmbarer Religion zur Zeit einigermaßen ausgestiegen.

Die im Text genannten Aussteiger werden in Ulrich Holbeins „Narratorium“, einem reichbebildertem Lexikon heiliger Narren, seltsamer Persönlichkeiten d.h. vor allem: Aussteiger, aussführlich vorgestellt, und zwar anhand von 255 aufgerollten Lebensläufen.

Althaus fährt wieder Ski!

09. Januar 2010 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 1

Drei Tage war der Frosch noch krank, nun raucht er wieder, Gott sei Dank! Und Präsident Althaus fährt wieder Ski! Auch dann, wenn er geahnt hätte, daß es BILD als Aufmacher bringt? War der Drang zu speziell dieser Spielart sportiver Aktivität größer als die kaum fortblendbare Assoziationsfülle sowie die Überlegung, daß es mehrere Leute gibt, die im Leben zweimal vom Blitz getroffen wurden? Soll jedes schuldige Unfallopfer für immer seinen Führerschein abgeben? Es gibt jemanden, dessen Onkel auch nach vier tragischen Unfällen einarmig weiter Auto fährt – und keiner guckt ihn deswegen schief an.

Andererseits – warum soll ein Politiker nie wieder von White Chrismas träumen dürfen? Kein Karneval ließ sich je vom Golfkrieg auf Dauer kleinhalten. Schließen sich Katharsis und Skisport aus? Wieso sollen Banken, nur weil sie gerettet wurden, ab sofort völlig anders funktionieren als Banken?

In Bamberg ist es schön

14. April 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Liebe Viera, auf dem Bamberggleis von Haßfurt angekommen, sah ich mich nach Deinem Zug um und sah Deine Silhouhette, falls Du das warst, zur Gegenseite hinausgucken, von mir fort auf den gegenüber just startenden Zug nach – Bamberg … meinen Zug, der halt auf einem anderen Gleis fuhr als Gleis 1, und schon warst Du weg und ich nicht weg, sondern langfristig in Haßfurt. „Fährt da in einer Stunde der nächste nach Bamberg?“ „Frühestens.“ So ging ich im Regen zum gotischen Dom, den wir im Regen gesehn hatten. Drin saßen 9 Menschen, alle ca. 90, und psalmodierten ohne Vorsänger: „– du bist genebendeit unter den Frauen, und gebendeit = die Frucht deines Leibes, die in den Himmel aufgefahren ist, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“  Nach der 22. Wiederholung ging ich aus dem Dom wieder raus. Ein 80jähriger Metzger guckte sich unversöhnlich nach mir um, der ich dann die Löwenapotheke und die Hasenapotheke von Haßfurt besichtigte. Im Zug produzierte ich Pfützen, via Mützen- und Sockenauswringung. Dann in Bamberg floss Regen ab, und glitzernd taufrisch stieg die Stadt der Romantik aus dem Dust und Wasserdampf – im Dom widerstand ich mannhaft der Versuchung, eine Opfergabe für die Weltmission zu entrichten. Neben einer Kreuzabnahme forderte mich ein alter Aufpasser auf, „die Mütz‘“ abzunehmen. Eine Achterbahn aus Rauf- und Runtergäßchen gebar ein schnuckliges Labyrinth unter mollig weißen Schäfchenwolken und Lichtfluß in Seitenwegen. Schleichpfade, Schleichtreppen, versteckte Winkel, Nischen, Kleebaumgasse, jeder Pflasterstein, jede Klinkerziegel aus anderer Generation, anders glänzend, frisch im Regenglanz – Altenbergblick, im Domgrund, Am Kröcklein, Untere Seelgasse. Bamberg erschien verzaubert zum potenzierten Königsberg, Nürnberg, Rottenburg ob der Tauber, Dilsberg und plötzlich fand ich keinen zureichenden Grund, wieso Du und ich nicht 2 Std. mitsammen durch Bamberg geschlendert wären und Du einfach erst nachmittags statt 9 Uhr 26 weitergefahren wärst. Im Dom 1000 Japsen, aber in den Sack-, Appendix-, Blind- und Skrotalgäßchen null Japsinese, außer einen, den ich dafür 2 x traf und daran erkannte, daß sein Teashirt eine „87“ trug! Im Residenzgarten spielte zwischen Rosen das Novalisquartett Schubert. Alle Zeitläufte verquickten sich: Doktor Faustus-Atmo (St. Johann unter den Linden, erbaut 1300, mit Mörikebiedermeier (Altringlein, Zum Dominikaner), kaum widerlegt von Einfahrt freihalten, Percussionscenter und Restmüll 80 l. Dazwischen Trattoria Ristorante Le Cucina und im Fachwerk untergebrachter Shiva Moon. Plötzlich klangen selbst Worte wie Susanne Hötzenbein, Rechtsanwältin, gar nicht mehr ernüchternd, und Termini à la ‚Leberknödel‘ kaum noch beanstandenswert; mein innrer Moralist schmolz von hinnen, zwischen Kaulbergschule und Brudermühle, und selbst Gesichter, die objektiv bloß so aussahen wie immer, schimmerten auf einmal in schier sinnvollem Glanz. Selbst die „Änderungsschneiderei Maria Leicht“ hatte was irgendwie Beglückendes an sich, und Du warst nicht dabei. Beglückbar wie Viera schritt ich durch den Zinkenwörth, was immer dieser bedeuten mochte, garantiert ein Kapitel für sich, 1 Welt für sich. Selbst auf dem E.T.A. Hoffmanntheater sproßte und wehte ein Grasgarten. Und nirgendwo Autolärm; die ganze Stadt, in der auch ein Marcel Kalbererscher Weidenpalast stand, merkwürdig wunderbar still, nur Entengebrabbel am Flüßchen und Spatzengetschilp. Buchdruckerei F. Zoepfl in patinaloser, funkelnagelneuer Frakturschrift. Und Wassermann Lichtenfels, Kunigundenruhweg. Alles leuchtete immer weiter. Wiederholbare Sekundeneinfänge konnten, vergeß’nen Apparates wegen, nicht eingeklickt werden. Eins aber schmerzte gar sehr. Das unverändert eingequetschte seltsam schmal hochgeschossige Haus, wo E.T.A. von 1809-1813 wohnte, hatte nur von 10-12 auf, und im Winter wegen Unbeheizbarkeit garnicht offen, und jetzt ging’s schon auf 2. Obendrin wohnte „J. Eberlein“, eindeutig ein Name, dessen Großvater E.T.W. „Amadäus“ noch persönlich auf der steilen Wendeltreppe wild zerzausten Schopfes getroffen hatte, doch die Klingel blieb tot. J. Eberlein machte nicht auf. Aushäusig? In der Brudermühle die Seele ausgehaucht? Im Touristic-Center erwarb ich 1 Heft über Hoffmann, Edler Holbein von Holbeinsberg & Kunz. Für 55 € wär ein Führer zu finden gewesen, der mir die Räumlichkeiten extraordinär aufgeschlossen hätte. Sogar die Türklinke mit dem Gesicht des bronzierten Äpfelweibs, im Golden Pott nach Dresden transportiert, findet sich in Bamberg, nicht in Bottwar. Der schönste Tag des Jahres! Dann: „Betten-Friedrich“ und „Rausmausstattung Pornschlegel“ – Vorstadt, Bahnhof, Regen. Überörtliche Rechtsanwaltssozietät. Infanterie. Lakshmie. Und dann die übliche Kalamitätenkette, Emanuel nahm 5 Std nicht ab, bevor ich ihn, wie Ewald, 5 Std. warten ließ. Die rote Mappe, an der ich 6-8 Std kopierte (1. Hälfte bereits als Du in der Tatra die Füße in der Tüte hattest), verlor ich 2 x und am 2. Tag endgültig. Der noch in der Bahn von Fürth entsandte Emanuel fand sie auch nicht. Die Telefonkarten-, Geld-, Zahnseide-, Ührleinverluste wirkten gering dagegen. Es wurde so schlimm, und ich immer depressiver und wußte plötzlich: Ich darf nie wieder verreisen, nicht mal nach Bamberg. Ein letztes Aufglühen – dann Gruft. Ich wollt sogar München sausen lassen und sofort zurück. Doch der Gedanke, in Wabern den Fischmann anrufen zu müssen, ließ mich weiterreisen – hock soeben im Regionalzug nach München, um denen Kosten zu ersparen. Theoretisch könnt jemand die rote Mappe an mich senden. Es gibt aber keinen Ort, wo ich sie verloren haben könnte. Isses mit Clara & Milan – schön? Deine ärmste Sau. 

(Ich aus Bamberg und Fürth an Viera Janár?eková in Großbottwar, 8.8.2005)

Chance verpaßt

12. April 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Lamento eines Pechvogels

 

Oft pfiff ich einen Fandango von Boccherini, für Gitarre und Cembalo und wartete jahrelang am Radio auf die Originalfassung für Streichquartett…und Kastagnetten, nur kam diese Musik nie. Recherchen im Tonträgerhandel: erfolglos. Dann trampte ich sommerlich durch Südeuropa usw. Auf dem Rückweg von Venedig, kurz vor Wien, griff mich bei Spätlicht ein Ford transit auf, acht Jugendliche, auch ältere dazwischen, eine lachende Rotwein-Clique mit Gitarren. Zwei davon schaukelten als frisch schmusendes Pärchen abseits; ansonsten blieb unklar, wer zu wem gehörte. Man nahm mich mit; bei Toni konnte ich übernachten. Ein gewisser Dieter hatte Pickel. Manchmal halbierte sich die Gruppe, manche gingen Jobs nach. Wechselnde Wohnungen, ständiges Kommen und Gehn. Tonis Tante hatte ein Kino; Kartenabreißer Toni hatte sein Leben im Kino verbracht. Ich saß im Plus-Minus-Knäuel dieser lustigen Leute, irgendwo südlich von Wien, saß täglich kostenlos im Kino, egal was kam, vor allem in Massenkarambolagen aus: „Oskar laß das Sausen sein“. Stets dabei war die sog. „Maus“, ein sehr zierliches Mädchen, wenig redend, oft lächelnd, fast zu kleingebaut, um Eventualfall zu sein, doch in sich überaus wohlproportioniert. Wie sie wirklich hieß und wohin sie abends verschwand, entging mir irgendwie. Nächstentags war sie stets wieder dabei. Mein Tagebuch von damals schweigt, erwähnt bloß, daß die Maus maurischer Abstammung war. Nach drei Tagen reiste ich weiter. Mit Toni tauschte ich die Adresse; von Oslo sandte ich eine Postkarte an die Gruppe, auf der ich auch das Wort Maus verwendete. Dann verlor ich Tonis Adresse und jeden Kontakt zu Wien.

Ein Jahr später war in der Funk-Uhr endlich der gesuchte Fandango von Boccherini angekündigt, auf  HR 2. Ich lebte auf den Tag hin, reiste extra 50 km an, um mit dem elterlichen Gerätepark das Stück aufnehmen zu können. Ich hörte das ganze Konzert, um Boccherini keinesfalls zu verpassen. Vorher kam allerlei Cembalo…da klingelte das Telefon. Keiner wußte, daß ich hier war. Es konnte nicht für mich sein. Ich nahm ab, da wars die Maus. Ich war baff. Wie hatte sie die Nummer meiner Eltern rausgefunden? Da hörte ich die Ansagerin Vivaldi absagen. Ich stammelte, ob das von Österreich aus nicht zu teuer sei. Die Maus meinte nein. Boccherini wurde angesagt. Ich stammelte, wir müßten aufhören. Sie stutzte, schwieg, selber hilflos, ich legte auf und stürzte an den Anknopf, drückte auf On — hätt ich doch nur auf den Anfang verzichtet! Hätt ich wenigstens gesagt: „Sekunde mal!“ oder: „Ruf gleich nochmal an!“ Statt dessen hatte sich mein Gestammel für die Maus so anhören müssen, als sei mir ihr Anruf unangenehm und als verweigere ich ein Gespräch. Weswegen hatte sie überhaupt angerufen? Vielleicht wollte sie eine Reise ankündigen…oder war sie verzweifelt und ich eine letzte Adresse? Ich suchte mich dusselig nach Tonis Adresse, befragte umsonst mein Hirn nach Tonis Nachnamen. Ich graste in der Spalte M von Telefonbüchern herum; ich hörte nie wieder Boccherini; ich besuchte oft meine Eltern, stürzte bei jedem Klingeln ans Telefon. Damals hatte ich die Maus viel zu wenig beachtet; immer reizvoller erschien mir in der Erinnerung ihr zartes Figürchen; erst jetzt merkte ich das so recht. Vielleicht liebte sie mich, und ich hatte im Oskar gesessen, der das Sausen nicht sein ließ, und hatte nichts gemerkt, dumpf, blind, ohne Intuition. Sinnlos hatte ich sie zurückgestoßen, dieser unwichtigen E-Musik wegen, und ohne Adresse und Namen zu haben, und keine Chance, nochmal angerufen zu werden. Jahre später ließ ich mich nach Wien kutschen, fand den Vorort nirgendwo wieder, auch das Kino von Tonis Tante nicht, dirigierte nachts um 11 unser Auto über fremde Autobahnzubringer, fuhr 1990 nach Bratislava, 1992 nach Klagenfurt und Graz immer nur in Gedanken an die Maus. Oft jaul ich unvermittelt auf, mitten im Gespräch mit bebrillten Ansprechpartnern in Frankfurt und Berlin, beim Studium diverser CD-Angebote, oder wenn auf 3SAT ein Film über maurische Architektur kommt.                     

 

 

Karlheinz mit Turban

11. Februar 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Drei Menschen führten drei Pferde von der Weide, am Halfter, da sah ein Nordhesse sie kommen und sprach sie an: „Ah, eine Karawane! Und alle Kamele ohne Buckel!“ Statt angemessene Cowboy-Assoziationen zu befolgen. Dies zeigt doch wohl, daß die Tatsache, auch als antiamerikanisch engagierter Zeitgenosse Amerikaner zu sein, längst schon subkutan und unterschwellig aufgeweicht und aufgelöst und panarabisiert wurde. Zumal man auch hierzulande ohne arabische Ziffern nicht bis drei zählen könnte, allenfalls auf römisch. Nach wie vor zeigen WDR 3 und ähnliche Sender irgendeinen Karlheinz, wie er mitten im Jemen sitzt, auf großer Tour, mit Sonnenbrand, Hornissenbrille und Nasenschutz, ein netter angejahrter Verwaltungsbeamter aus Wuppertal,    der überaus problemlos ins Mikro verkündet: „…daß halt moi Läbe bishääär mir irgendwie nicht g‘nügt het, verstäääähscht, und i mir g‘denkt hob, do muß do no ebbes komme, und das hab ‘i    nu hier g‘funne, hier in der Wüschte…jedenfalls, was meine Identitäääätsfindung betreffe tut.“ Oder so äääähnlich. Nicht jeder möchte so einfach zu sich selbscht gefunne haben, über den Umweg Turban, jawohl, Karlheinz trug Turban, in aller Unschuld Turban, mindestens Kopfschutz, der aber in der Wüste naturgemäß turbanartig sich um die biedere Birne schlängelt, sich aufbaut, auftürmt, und der Karlheinz nicht nur sehr gut steht, ihn geradezu aufwertet, mit Sinn auflädt, ihm einen exotischen Mehrwert verleiht, wenn nicht gar einen Ewigkeitswert. Obwohl in Texas oder wo ein Mann erschossen wurde, nur weil er einen Turban trug, und weil der Täter in der Eile zwischen Muslimen und Sikh nicht unterscheiden konnte.

Quiz: Von wem stammt folgender Text:

03. Februar 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 2

Ich kenne ein Wunderwerk, aber das ist ein anderes Kapitel. Schon da wird’s verdreht: ich kenne es und kenne es doch nicht. Wende ich für länger oder kürzeren Augenblick meine Augen von ihm ab – womit keinesfalls gesagt ist, es sei ein Wunderwerk nur für die Augen -, und obwohl ich es eigentlich so gut wie nie tue, wird ich ihm Fremdling. Ein eigentümliches tumbes Gefühl bemächtigt sich meiner, genauso wenn ich mich lang mit ihm beschäftigt habe und wir uns vor Gewöhnung garnimmer wahrnehmen. Immer wieder aber fällt wie durch das Schlüsselloch einer zugenagelten Ebenholztür ein glühender Sonnestrahlpfeil, ich weiß selbst nicht, warum sich Schweiß auf meiner Oberlippe bildet, aber wie von Sinnen versuch ich dann in den tiefen Sinn des Wunderwerkes mich einzubohren. Ein Hinweis, den ich ihm selbst entnahm, sagt mir unzweideutig, daß ich außerhalb von ihm nichts finden könne, was mich es besser verstehen macht, keine Strukturanalysse, keine Quellenforschung. „In mir oder nirgends!“ (werkimmanente Interpretation) so steht’s geschrieben, womit ich wiederum nicht andeuten will, daß das besagte wunderbare Werk aus Aufzeichnungen besteht, also eine Dichtung quasi ist. So mach ich mich dann denn folgsam in den Eingeweiden auf den Weg, ich, der Uneingeweihte, der selbst innen noch ein Außenstehender bleibt. Tapfer schreite ich meinen Weg aufwärts, d.h. im Moment steige ich ich zu den Quellen. Durch Berg und Täler ist der Weg geleitet, hier ist der Blick beschränkt, dort wieder frei, und da wo er für ein paar Schritte frei ist, wo man vom Berg aus „Schöner Aussicht“ frönt, beziehungsweise tutend ein „Großes dämmerndes Tal“ sich auftut, wenn gar eine sonnenerwärmte, entengefüllte Bucht, so scheint’s wie Nebel aufzufliegen, wie eine Zeitmauer fällt selbige in sich zusamm’, ein leichter Schwindel kommt mich an, bei diesem Erlösungskußüberflußerguß, der Heiland reißt den Himmel auf… Und im milchigen Glast seh ich Risse sich fügen, Abgeblättertes sich wieder anblättern, Krümel rollen dahin, wo sie hergekommen, Bröckel desgleichen; bunte, geschehnisreiche Fortsetzungen ziehen majestätisch und geschichterzählend an mir vorüber, von Spruch- und Sprechbändern und Wolken klangfreudig begleitet, deren Stimmung entgilbte. Entfallendes, Verlegtes entschält sich ohne altmodischen Anhauch gleich einer verlängerten Banane. Na endlich! Na endlich! Aber da ist die gewaltige Ebenholztür schon wieder ins Schloß gefallen, mit Krach, mein eben, ach, so bewegungsfreudiger Kaugummi wird zähflüssig und gerinnt mir im eben noch lachenden Mund, und ich muß mich einem Loch in der Bretterwand genügen, was aber – oh! – ist dahinter? FKK mit blassbrüstigen Geheimnissen und blutunterlauf’nen Penissen. Ach nein, das stimmt ja nicht, es ist vielmehr ein Mann zu sehen, der sich durch ein Loch in der Bretterwand ein rasantes Fußballspiel anschaut und dabei eine Banane verzehrt, am blassen Schaft halb entvorhäutet. Seinem lachenden Mund entquellen in verschieden langen Abständen blassblaue Sprechblasen, die in ihrer Größe immer dem Umfang des Gesagten entsprechend anschwellen, die aber, sobald letzteres verklungen, mit leichtem Platz zerknallen. Die Banane hingegen läßt hellgelbe Sprechblasen von sich, die sich aber immer nur mäßig ausdehnen.    –    Ich schlage unterdessen einen Pfad ein, der sacht in die Büsche gleitet (denkt nicht, daß es ein Irrtum sei!) d.h. während ebige Begebnisse mit dem Mann, der zitronengelbe Banane und dem rasanten Ritz im Holzzaun unmerklich in die Vergangenheit absanken, verbleibe ich (die Zeiten wechseln sich eben) hiererorts (die Zeiten wechselten sich eben) und bin in neuartigen Teilen des Gesamtgefüges präsent, wie gesagt: zunächst in allerhand Abstrusitäten: eben im Busch. Ich laufe wie auf gepolstertem Pudding, durch den hindurch ich aber gläsernes Gerippe ahne. Plötzlich juckt’s mich überall: an der Wade, an der Leber, am Nebenhoden… eine Herde Bananen ist schändlich über mich hergefallen. Seit wann emanzipiert sich Obst? Sind Bananen denn Staudentiere? Ich bin so entsetzt, daß die Äderchen meiner Lider vor lauter Augenaufreißen schlagartig mit leisem Knall zerplatzen. Da hör’ ich in solch unermeßlicher Ferne, daß ich meine, es müsse zehnmal außerhalb meines Wunderwerk-Labyrinths liegen, das knarrendste aller Tore, und schon heb’ ich ab vom Dust, alle bräunlichen Bananenschalen weit, weit hinter mir lassend schweb’ vögelich leicht und lau – lieblich lahm lockt’s lullend mich – lächerlich lallend über allem. Meine aeronautischen Nasenflügel blähen sich trötend und wie funkelnde Kartoffeln und blendende Karfunkel fliegen miene Brüll-Popel in den blanken blitzeblauen Äther. Mein blaues geplatzes Äderchen heilt unverzüglich an der Luft! An der frischen Luft! – Doch was seh’ ich da? Weit, weit unten seh’ ich ein weiches, weiches Löchlein, welches ich gewißlich gemütlich fände wie ein Ratz oder wie ein Erdmännchen oder wie Trolli, unser aller Hamster!

   Oh, ich vergeß, einiges über die allgemeinen Bedingungen und Strukturen des Wunderwerkes mitzuteilen, soweit sie mir sich mitgeteilt haben, versteht sich. Zunächst einmal und vom Äußeren her, kann man sagen: das Ganze ist in verschiedene Teile eingeteilt, in Sätze, Akte, Kapitel, Abschnitte, Szenen, Tafeln, Bilder, oder wie mans nennen soll. Und jedes ist mit einer bestimmten Färbung getönt, quasi in Dur oder Moll oder sonst etwas, jedes ist in einer gewisse eigentümliche Stimmung getaucht, mit welcher jeder Teil nicht für sich dasteht und in der Luft hängt, sondern mit manngifachen, oft zierlichen, und nicht einfach aufzuspürenden Bezügen zu anderen Teilen in oft bedeutungsvoll fataler Beziehung steht. Die meisten Teile haben eine einfache, aber wirkungsvolle Anatomie, die beginnen beispielweise bei oder mit Sonnenaufgang, und unter sanft geschwung’nem Bogen rollen mehr oder weniger wechselvolle Geschehnisse in gleichmäßigem Vorwärtsschreiten dem farbenreichen Abendrot entgegen. Andere Beispiele dagegen gleichen eher einem Holterdipolter sich überstürzender Ereignisse, vieles hoppelt durcheinander, manches geschieht in Zeitlupe. Anderes zu schnell, um’s wahrzunehmen. Fortwährend sind Pausen und Päuschen eingefügt, und Sonne, Mond und Sterne und Laternen gehen auf und unter, wie’s grad kommt. — Oft ergibt sich der Sinn solcher Stellen erst drei Stellen weiter. – In allen Teilen wird die Empfindung deutlich, die selbst Figuren innerhalb des Ganzen hier und da sehr schmerzlich spüren, daß dies alles nur erfunden ist – es ist die dunkele Empfindung des Garnicht-Wahr-Seins und der sehnliche Wunsch, handfest und konkret und nicht nur Schaumgespinst zu sein. Übrigens – in dem gesamten Stück wird – versteht sich! – genügend verballhornt (bis zum Geht Nicht Mehr!)!

Kurze Universalgeschichte der Penisverlängerung

25. Januar 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Als vor x Milliarden Jahren das Leben (erst der Meersalat, dann die Lungenfische) aufs Land geweht wurde, mußte es sich ständig wieder zum H ²O zurückbiegen, z.B. per extra entwickeltem Strohhalm, und als vor 1,9 Milliarden Jahren die Geschlechter auseinander wuchsen, mußten sie sich ständig wieder zueinanderbiegen, z.B. per extra entwickeltem Penis (einen Vorgang, dessen Begleiterscheinungen – vaso-nervöse Affiziertheit – „Liebe“ zu nennen die liebevoll Beteiligten sich später angewöhnten). Bereits das Fühlhorn der Schnecke wußte zwar nicht wie, hatte aber eine berückende Verlängerungstechnik drauf.    Ziel und Sinn des Lebens: Lebensverlängerung. Nahziel, Fernziel und Lebensinn zahlreicher Penisträger: nicht nur den unsteif baumelnden, auch den lang ausgefahrenen Penis zu verlängern — neuer Lebensraum im Osten; statt Rußland genügt – lächerlich! – 1,9 cm Geländegewinn. Penis-, Leihfrist- und Lebensverlängerung: wofür und wozu bleibt zweitrangig, Hauptsache: lang, z.B. um Jahrzehnte, und sei es per Wachkoma. Penisse lassen sich aber nicht wie Därme, Hirnwindungen, DNS-Fäden recht unbegrenzt verlängern, weil sie sich nicht um x Kurven zu legen bereit sind. Trotzdem überschwemmen Spams, die mit Penisverlängerung winken, wie Spermien alle Server und PC-Benutzer, derart, daß man – würde man auf alle Angebote eingehen – pro Tag seinen Penis um 3 m verlängern könnte.

NARRATOR

18. Januar 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Der NARRATOR

Der NARRATOR