Aufsteiger und Aussteiger

08. April 2010 · Thema: Allgemein

Selten stiegen so viele Aussteiger aus wie heutzutage – pro Jahr siedeln 3000 Bundesbürger nur allein nach Mallorca aus, neue Australienansiedler gar nicht erst mitgerechnet. Fast könnte man sich fragen, wer überhaupt noch hierbleibt. Aussteigen bringt allerdings derart viele organisatorische Aufgaben mit sich, daß kaum ein Aussteiger sich zwischendurch die genetische Herkunft des Aussteigens klarmacht.

Im Neolithikum stieg überhaupt keiner aus; Ausstoß oder Rückzug aus der Horde hätte den baldigen Tod in der Wildnis bedeutet. In frühen religiösen Ansätzen stieg man nicht aus, sondern auf — Schamanen stiegen aus der unberauschten Wahrnehmungswelt ihres stets pragmatisch organisierten Clans aus und flogen im Seelenflug durch höhere Welten, etliche Jahrtausende lang, alsbald einigermaßen beerbt von Hoch- und Weltreligionen: Buddhisten stiegen aus dem Rad der Wiederkunft aus, oder wollten aussteigen; Urchristen, Christen, Barockchristen wollten aus dem irdischen Jammertal auf- oder aussteigen in Richtung güldenen Himmelreichs. Brahmanen stiegen im Greisenalter aus ihren familiären Zusammenhängen aus und zogen sich in den Urwald zurück. Erst 200 n. Chr. nahm das Aussteigen flächendeckende Ausmaße an. Paulus und Antonius rühmten sich, die ersten Eremiten auf europäischem Boden zu sein und lösten schier einen Klausnerboom in der Thebais aus – als Anachoreten und Neotroglodyten, wie man späterer Wohnklotzbewohner gern nannte, die in ihren Mietskasernen hausten wie die Steinzeitler in ihren Felshöhlen. Reiche Römer zogen sich zeitgleich aus weltstädtischem Gewimmel auf ihr Tusculum zurück, ihr arkadisch-bukolisches Landgütlein, und ergingen sich dort im Erwachen heiterer Gefühle bei der Ankunft auf dem Lande. Nachdem nicht mehr die ganze Person gen Himmel flog, sondern nur noch im Tod die Seele aufstieg, gabs nochmal ein Zwischenspiel: Guiseppo de Copertino (1603-1663), weil er meterweit durch die Kirche flog, wurde als Flugheiliger heiliggesprochen. Dann aber säkularisierte sich religiöses Aufsteigen zu profaner Karriere in menschlichen Hierarchien und in geographischer Horizontale. Aussteigen hieß von fortan – dezentral aus unangenehmen Relationen in etwas angenehmere Realtionen ausweichen, Stadtflucht, Zivilisationsflucht. Im China der Tang-Dynastie trieb das daoistische Einsiedel-Ideal konfuzianisch und bürokratisch eingeengten Bürokratismusses tauesende leidender Beamte als dichtende und lauteschlagende Einsiedler in die Berge, wo sie Herbst und Winter meist wieder zurücktrieben. Statistisch schwierig nachzuweisen, wieviel tatsächliche Einsiedler es jemals gab. Im Mittelalter zogen sich lediglich Verbrecher oder versprengte Soldaten in die Wälder zurück; der mittelalterliche Einsiedler, der liebreich Rehe füttert und die Sprache der Waldtiere versteht, entstand erst durch romantische Verklärung, umspielt von herzrührenden Legenden, gemalt von Ludwig Richter und Carl Spitzweg. Als ein französischer Herzog, bewegt von Rousseau-Idealen, einen Wald gratis zur Verfügung stellte, samt Baumhaus für interessierte Einsiedler, meldeten sich auch einige Anwärter, aber keiner dieser ornamental hermits (Ziereremiten) hielt es im Wald länger als 20 bis 30 Stunden aus. Jeder drängte kontaktsüchtig zurück ins nervige, zwiespältige, lästige Gesellschaftsleben. Erst in den Industriegesellschaften wurde das Aussteigen zur Massenbewegung. Tourismus ging über ins Auswandern. Einer der extremsten Austeiger aller Zeiten: Dr. August Engelhardt (1877-1919), ein Extremvegetarier, der sogar Obst und Gemüse ablehnte und als Sonnenkult-Kokovore in der Südsee sich einzig von Kokosnüssen ernährte, entsprechend abmagerte, auch erkrankte, aber nie sein absurdes Ideal losließ. Die erste deutsche Landkommune unter Karl Wilhelm Diefenbach wurde 1886 gegründet, bald gefolgt vom ersten deutschen Nudistenprozeß. Zwischen 1900 und 1930 liefen in Mitteleuropa zahlreiche, lebenslang sehr kosequent ausgestiegede Naturpropheten herum, beredte Ur-Hippies und Landstreicher mit wildbewegten Lebensläufen, umschwirrt von Mitläufern und Wandervögeln, Gusto Gräser, Gustaf Nagel, ehe dann Hippiezeiten und alternative und grüne Lichtblicke aufkeimten und abblühten, oder auch funktionierten und auf die Verhältnisse nicht ausgestiegener Menschen zurückwirkten. Oft gab es mitten im falschen leben ein durchaus deutlich weniger falsches Leben, traumweise und zeitweise sogar ein durchaus richtiges Leben, das aber arg oft ins eher unrichtige Leben zurückkippte. Voraussehbar bleibt und wird, daß insgesamte globale Entwicklungen stellenweise so hart und problematisch werden, daß das Aussteigenwollen immer häufiger werden wird. Ob sich das Aussteigen zurückverwandeln kann ins ursprüngliche Aufsteigen, bleibt Betrachtungssache; voererst wurde das Aufsteigen von dröhnenden Maschinen übernommen und aufsteigende Engel oder Himmelsfahrer sind zur Zeit eher in hellbläuliche, oft recht flache Esoterik abgewandert, also aus ernstnehmbarer Religion zur Zeit einigermaßen ausgestiegen.

Die im Text genannten Aussteiger werden in Ulrich Holbeins „Narratorium“, einem reichbebildertem Lexikon heiliger Narren, seltsamer Persönlichkeiten d.h. vor allem: Aussteiger, aussführlich vorgestellt, und zwar anhand von 255 aufgerollten Lebensläufen.

1 Kommentar
  1. #1 • RUDHI hat am 05.08.2010 gesagt:
     

    Diese Holbeinsche Lorelei macht das Verirren im öbstlichen Wortsalat zum psychedelischen Vergnügen – mit zunehmendem Durst nach Meer;-) (Thoreau’s *Walden* hat mich auf die Alpen getrieben…)

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