Monatsarchiv für April 2009

 
 

In Bamberg ist es schön

14. April 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Liebe Viera, auf dem Bamberggleis von Haßfurt angekommen, sah ich mich nach Deinem Zug um und sah Deine Silhouhette, falls Du das warst, zur Gegenseite hinausgucken, von mir fort auf den gegenüber just startenden Zug nach – Bamberg … meinen Zug, der halt auf einem anderen Gleis fuhr als Gleis 1, und schon warst Du weg und ich nicht weg, sondern langfristig in Haßfurt. „Fährt da in einer Stunde der nächste nach Bamberg?“ „Frühestens.“ So ging ich im Regen zum gotischen Dom, den wir im Regen gesehn hatten. Drin saßen 9 Menschen, alle ca. 90, und psalmodierten ohne Vorsänger: „– du bist genebendeit unter den Frauen, und gebendeit = die Frucht deines Leibes, die in den Himmel aufgefahren ist, jetzt und in der Stunde unseres Todes.“  Nach der 22. Wiederholung ging ich aus dem Dom wieder raus. Ein 80jähriger Metzger guckte sich unversöhnlich nach mir um, der ich dann die Löwenapotheke und die Hasenapotheke von Haßfurt besichtigte. Im Zug produzierte ich Pfützen, via Mützen- und Sockenauswringung. Dann in Bamberg floss Regen ab, und glitzernd taufrisch stieg die Stadt der Romantik aus dem Dust und Wasserdampf – im Dom widerstand ich mannhaft der Versuchung, eine Opfergabe für die Weltmission zu entrichten. Neben einer Kreuzabnahme forderte mich ein alter Aufpasser auf, „die Mütz‘“ abzunehmen. Eine Achterbahn aus Rauf- und Runtergäßchen gebar ein schnuckliges Labyrinth unter mollig weißen Schäfchenwolken und Lichtfluß in Seitenwegen. Schleichpfade, Schleichtreppen, versteckte Winkel, Nischen, Kleebaumgasse, jeder Pflasterstein, jede Klinkerziegel aus anderer Generation, anders glänzend, frisch im Regenglanz – Altenbergblick, im Domgrund, Am Kröcklein, Untere Seelgasse. Bamberg erschien verzaubert zum potenzierten Königsberg, Nürnberg, Rottenburg ob der Tauber, Dilsberg und plötzlich fand ich keinen zureichenden Grund, wieso Du und ich nicht 2 Std. mitsammen durch Bamberg geschlendert wären und Du einfach erst nachmittags statt 9 Uhr 26 weitergefahren wärst. Im Dom 1000 Japsen, aber in den Sack-, Appendix-, Blind- und Skrotalgäßchen null Japsinese, außer einen, den ich dafür 2 x traf und daran erkannte, daß sein Teashirt eine „87“ trug! Im Residenzgarten spielte zwischen Rosen das Novalisquartett Schubert. Alle Zeitläufte verquickten sich: Doktor Faustus-Atmo (St. Johann unter den Linden, erbaut 1300, mit Mörikebiedermeier (Altringlein, Zum Dominikaner), kaum widerlegt von Einfahrt freihalten, Percussionscenter und Restmüll 80 l. Dazwischen Trattoria Ristorante Le Cucina und im Fachwerk untergebrachter Shiva Moon. Plötzlich klangen selbst Worte wie Susanne Hötzenbein, Rechtsanwältin, gar nicht mehr ernüchternd, und Termini à la ‚Leberknödel‘ kaum noch beanstandenswert; mein innrer Moralist schmolz von hinnen, zwischen Kaulbergschule und Brudermühle, und selbst Gesichter, die objektiv bloß so aussahen wie immer, schimmerten auf einmal in schier sinnvollem Glanz. Selbst die „Änderungsschneiderei Maria Leicht“ hatte was irgendwie Beglückendes an sich, und Du warst nicht dabei. Beglückbar wie Viera schritt ich durch den Zinkenwörth, was immer dieser bedeuten mochte, garantiert ein Kapitel für sich, 1 Welt für sich. Selbst auf dem E.T.A. Hoffmanntheater sproßte und wehte ein Grasgarten. Und nirgendwo Autolärm; die ganze Stadt, in der auch ein Marcel Kalbererscher Weidenpalast stand, merkwürdig wunderbar still, nur Entengebrabbel am Flüßchen und Spatzengetschilp. Buchdruckerei F. Zoepfl in patinaloser, funkelnagelneuer Frakturschrift. Und Wassermann Lichtenfels, Kunigundenruhweg. Alles leuchtete immer weiter. Wiederholbare Sekundeneinfänge konnten, vergeß’nen Apparates wegen, nicht eingeklickt werden. Eins aber schmerzte gar sehr. Das unverändert eingequetschte seltsam schmal hochgeschossige Haus, wo E.T.A. von 1809-1813 wohnte, hatte nur von 10-12 auf, und im Winter wegen Unbeheizbarkeit garnicht offen, und jetzt ging’s schon auf 2. Obendrin wohnte „J. Eberlein“, eindeutig ein Name, dessen Großvater E.T.W. „Amadäus“ noch persönlich auf der steilen Wendeltreppe wild zerzausten Schopfes getroffen hatte, doch die Klingel blieb tot. J. Eberlein machte nicht auf. Aushäusig? In der Brudermühle die Seele ausgehaucht? Im Touristic-Center erwarb ich 1 Heft über Hoffmann, Edler Holbein von Holbeinsberg & Kunz. Für 55 € wär ein Führer zu finden gewesen, der mir die Räumlichkeiten extraordinär aufgeschlossen hätte. Sogar die Türklinke mit dem Gesicht des bronzierten Äpfelweibs, im Golden Pott nach Dresden transportiert, findet sich in Bamberg, nicht in Bottwar. Der schönste Tag des Jahres! Dann: „Betten-Friedrich“ und „Rausmausstattung Pornschlegel“ – Vorstadt, Bahnhof, Regen. Überörtliche Rechtsanwaltssozietät. Infanterie. Lakshmie. Und dann die übliche Kalamitätenkette, Emanuel nahm 5 Std nicht ab, bevor ich ihn, wie Ewald, 5 Std. warten ließ. Die rote Mappe, an der ich 6-8 Std kopierte (1. Hälfte bereits als Du in der Tatra die Füße in der Tüte hattest), verlor ich 2 x und am 2. Tag endgültig. Der noch in der Bahn von Fürth entsandte Emanuel fand sie auch nicht. Die Telefonkarten-, Geld-, Zahnseide-, Ührleinverluste wirkten gering dagegen. Es wurde so schlimm, und ich immer depressiver und wußte plötzlich: Ich darf nie wieder verreisen, nicht mal nach Bamberg. Ein letztes Aufglühen – dann Gruft. Ich wollt sogar München sausen lassen und sofort zurück. Doch der Gedanke, in Wabern den Fischmann anrufen zu müssen, ließ mich weiterreisen – hock soeben im Regionalzug nach München, um denen Kosten zu ersparen. Theoretisch könnt jemand die rote Mappe an mich senden. Es gibt aber keinen Ort, wo ich sie verloren haben könnte. Isses mit Clara & Milan – schön? Deine ärmste Sau. 

(Ich aus Bamberg und Fürth an Viera Janár?eková in Großbottwar, 8.8.2005)

Chance verpaßt

12. April 2009 • Kategorie: Allgemein • Kommentare: 0

Lamento eines Pechvogels

 

Oft pfiff ich einen Fandango von Boccherini, für Gitarre und Cembalo und wartete jahrelang am Radio auf die Originalfassung für Streichquartett…und Kastagnetten, nur kam diese Musik nie. Recherchen im Tonträgerhandel: erfolglos. Dann trampte ich sommerlich durch Südeuropa usw. Auf dem Rückweg von Venedig, kurz vor Wien, griff mich bei Spätlicht ein Ford transit auf, acht Jugendliche, auch ältere dazwischen, eine lachende Rotwein-Clique mit Gitarren. Zwei davon schaukelten als frisch schmusendes Pärchen abseits; ansonsten blieb unklar, wer zu wem gehörte. Man nahm mich mit; bei Toni konnte ich übernachten. Ein gewisser Dieter hatte Pickel. Manchmal halbierte sich die Gruppe, manche gingen Jobs nach. Wechselnde Wohnungen, ständiges Kommen und Gehn. Tonis Tante hatte ein Kino; Kartenabreißer Toni hatte sein Leben im Kino verbracht. Ich saß im Plus-Minus-Knäuel dieser lustigen Leute, irgendwo südlich von Wien, saß täglich kostenlos im Kino, egal was kam, vor allem in Massenkarambolagen aus: „Oskar laß das Sausen sein“. Stets dabei war die sog. „Maus“, ein sehr zierliches Mädchen, wenig redend, oft lächelnd, fast zu kleingebaut, um Eventualfall zu sein, doch in sich überaus wohlproportioniert. Wie sie wirklich hieß und wohin sie abends verschwand, entging mir irgendwie. Nächstentags war sie stets wieder dabei. Mein Tagebuch von damals schweigt, erwähnt bloß, daß die Maus maurischer Abstammung war. Nach drei Tagen reiste ich weiter. Mit Toni tauschte ich die Adresse; von Oslo sandte ich eine Postkarte an die Gruppe, auf der ich auch das Wort Maus verwendete. Dann verlor ich Tonis Adresse und jeden Kontakt zu Wien.

Ein Jahr später war in der Funk-Uhr endlich der gesuchte Fandango von Boccherini angekündigt, auf  HR 2. Ich lebte auf den Tag hin, reiste extra 50 km an, um mit dem elterlichen Gerätepark das Stück aufnehmen zu können. Ich hörte das ganze Konzert, um Boccherini keinesfalls zu verpassen. Vorher kam allerlei Cembalo…da klingelte das Telefon. Keiner wußte, daß ich hier war. Es konnte nicht für mich sein. Ich nahm ab, da wars die Maus. Ich war baff. Wie hatte sie die Nummer meiner Eltern rausgefunden? Da hörte ich die Ansagerin Vivaldi absagen. Ich stammelte, ob das von Österreich aus nicht zu teuer sei. Die Maus meinte nein. Boccherini wurde angesagt. Ich stammelte, wir müßten aufhören. Sie stutzte, schwieg, selber hilflos, ich legte auf und stürzte an den Anknopf, drückte auf On — hätt ich doch nur auf den Anfang verzichtet! Hätt ich wenigstens gesagt: „Sekunde mal!“ oder: „Ruf gleich nochmal an!“ Statt dessen hatte sich mein Gestammel für die Maus so anhören müssen, als sei mir ihr Anruf unangenehm und als verweigere ich ein Gespräch. Weswegen hatte sie überhaupt angerufen? Vielleicht wollte sie eine Reise ankündigen…oder war sie verzweifelt und ich eine letzte Adresse? Ich suchte mich dusselig nach Tonis Adresse, befragte umsonst mein Hirn nach Tonis Nachnamen. Ich graste in der Spalte M von Telefonbüchern herum; ich hörte nie wieder Boccherini; ich besuchte oft meine Eltern, stürzte bei jedem Klingeln ans Telefon. Damals hatte ich die Maus viel zu wenig beachtet; immer reizvoller erschien mir in der Erinnerung ihr zartes Figürchen; erst jetzt merkte ich das so recht. Vielleicht liebte sie mich, und ich hatte im Oskar gesessen, der das Sausen nicht sein ließ, und hatte nichts gemerkt, dumpf, blind, ohne Intuition. Sinnlos hatte ich sie zurückgestoßen, dieser unwichtigen E-Musik wegen, und ohne Adresse und Namen zu haben, und keine Chance, nochmal angerufen zu werden. Jahre später ließ ich mich nach Wien kutschen, fand den Vorort nirgendwo wieder, auch das Kino von Tonis Tante nicht, dirigierte nachts um 11 unser Auto über fremde Autobahnzubringer, fuhr 1990 nach Bratislava, 1992 nach Klagenfurt und Graz immer nur in Gedanken an die Maus. Oft jaul ich unvermittelt auf, mitten im Gespräch mit bebrillten Ansprechpartnern in Frankfurt und Berlin, beim Studium diverser CD-Angebote, oder wenn auf 3SAT ein Film über maurische Architektur kommt.